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1. Bundesliga

Dilettantische Entlassung

Differenzen bei Tennis Borussia Berlin

Text von Tom Schlimme
Bilder von Nicolai Hamann

26.09.2009   Die Entlassung der langjährigen Abteilungsleiterin Gaby Wahnschaffe durch den Vorstand des Fördervereins von Tennis Borussia Berlin hat heftige Proteste durch Fans ausgelöst. Nun soll der Ältestenrat des gerade erst unter Wahnschaffe in die erste Bundesliga aufgestiegenen Vereins klären, ob der Förderverein überhaupt berechtigt ist, die Abteilungsleiterin abzusetzen. FanSoccer hat ausführliche Gespräche mit den Beteiligten geführt. Im folgenden soll der Konflikt dargestellt und die Positionen und Hintergründe beleuchtet werden.

Gabriela Wahnschaffe war von 1990 bis vor knapp zwei Wochen Abteilungsleiterin für die Frauenabteilung von Tennis Borussia Berlin. Zeitweise hat sie die Mannschaft auch trainiert. Hauptkontrahent in der Auseinandersetzung ist der Vorsitzende des Fördervereins Erhard Rösler, der gleichzeitig auch im Vorstand des Hauptvereins sitzt und dort für den Frauenfußball zuständig ist. Nach dem Aufstieg in die erste Liga wurde zwischen dem Förderverein und TeBe Berlin ein Kooperationsvertrag geschlossen, der vorsieht, dass der Förderverein die kaufmännische Leitung der Frauenabteilung übernimmt. Sämtliche Kosten werden allein vom Förderverein getragen, alle Einnahmen gehen ebenfalls an den Förderverein. Gaby Wahnschaffe ist nun der Auffassung, dass sich der Einfluss des Fördervereins auf den kaufmännischen Bereich beschränkt. Erhard Rösler vertritt die Meinung, dass der Förderverein das komplette operative Geschäft im Bereich Frauenfußball bei TeBe selbständig und unabhängig vom Verein führt, und deswegen auch eine Entlassung der Abteilungsleiterin aussprechen kann. Dies wird eine der zu klärenden Fragen sein, die in einer Sitzung des Ältestenrates von TeBe in der kommenden Woche auf den Tisch kommen werden.

Protestplakat

„Kein Stadion für neidische Giftzwerge”, stand beim Saisonauftaktspiel zwischen Tennis Borussia Berlin und dem SC 07 Bad Neuenahr auf einem der zahlreichen Protestplakate.

Der Beschluss zur Entlassung Wahnschaffes wurde überhaupt nur von drei Vorstandsmitliedern des Fördervereins getroffen, weitere Vorstandsmitglieder waren nicht involviert. Der Vorstand des Hauptvereins wurde nicht eingebunden, wie Vorstandsmitglied Hagen Liebing gegenüber FanSoccer erklärte. Hintergrund der Auseinandersetzung ist letztlich ein sich seit geraumer Zeit immer stärker aufschaukelndes Zerwürfnis zwischen Wahnschaffe und Rösler, das schließlich darin gipfelte, dass Wahnschaffe in einer Sitzung erklärte, dass Tischtuch zwischen ihr und Rösler sei zerschnitten. Wahnschaffe bestätigte gegenüber FanSoccer diese Aussage, es sei jedoch beschlossen worden, dass die Zusammenarbeit fortgeführt und ein Puffer zwischen ihr und Rösler eingerichtet würde, um die direkten Reibungspunkte zwischen beiden Personen zu reduzieren. Ihr sei es darum gegangen, die Konflikte beiseite zu räumen und Wege zu finden, produktiver weiter zu arbeiten.

Für Erhard Rösler jedoch war diese Aussage Anlass, um dann etwa 10 Tage später den Beschluss zur Entlassung Wahnschaffes herbeizuführen, wie er gegenüber FanSoccer erklärte. Bemerkenswert ist dabei jedoch das Vorgehen: Die Medien wurden eingeladen zu einer Pressekonferenz zur Saisoneröffnung. Wichtiges Thema in dieser Pressekonferenz war die Vorstellung der Zusammenarbeit mit dem Förderverein, ansonsten ging es um den Ausblick in die Saison und die sportlichen Perspektiven. Als Abteilungsleiterin auf dem Podium saß Gabriela Wahnschaffe. Sofort nach dieser Sitzung wurde ihr dann mitgeteilt, dass sie von ihren Aufgaben entbunden sei und man die Saison ohne sie plane. Eine Information der Medien über diese Entlassung seitens des Vereins hat bis heute nicht stattgefunden. Auf meine Frage, warum er denn die Medien nicht informiere, erklärte Erhard Rösler, er sei sowieso enttäuscht von den Medien, weil von über 60 eingeladenen nur sieben zur Pressekonferenz erschienen seien, davon drei von einer Zeitung alleine.

Protestplakat

Die aufgebrachten Fans fordern jetzt umgekehrt die Entlassung von Erhard Rösler und Stefan Wöpke, die als Vorsitzende des Fördervereins die umstrittene Entscheidung fast allein getroffen haben

Die Frauenabteilung von Tennis Borussia Berlin hatte im großen Gesamtverein in der Vergangenheit eher ein Schattendasein und musste immer schwer um Anerkennung und Unterstützung kämpfen. Dies führte vor wenigen Jahren bereits einmal zu einem Rücktritt von Wahnschaffe, die damit erreichte, dass der Verein gemachte


Gabriela Wahnschaffe

Über Jahrzehnte hinweg war sie eine Institution im Verein, nun wurde sie entlassen: Abteilungsleiterin Gabriela Wahnschaffe am Sonntag beim Saisonauftaktspiel vor einem Solidariätsplakat. Nicht nur die Mädels von TeBe III stehen auf ihrer Seite, auch eine Betreuerin, eine Zeugwartin und eine Presseverantwortliche haben bereits aus Solidarität ihre Ämter niedergelegt. „Wir wissen gerade gar nicht, welche Kreise das noch zieht und wer jetzt eigentlich noch mitarbeitet und wer nicht” wurde mir auf der Geschäftsstelle von TeBe gesagt. Die Bedeutung der Entlassung der Abteilungsleiterin wurde von den drei agierenden Vorstandsvorsitzenden offensichtlich völlig unterschätzt und im Verein überhaupt nicht vorbereitet

Zusagen doch noch einhielt und die Frauenabteilung wenigstens etwas besser mit Ressourcen versorgte. Wahnschaffe nahm sofort ihre Arbeit wieder auf, konnte auf dieser verbesserten Basis die Mannschaft voranbringen, die dann letztlich unter Thomas Grunenberg als Trainer sogar den Aufstieg in die erste Bundesliga schaffte. Doch als sich dieser Aufstieg abzuzeichnen begann, wuchs auch das Interesse im Gesamtverein an der Abteilung, die Einflüsse wurden größer, die Strukturen änderten sich.

Erhard Rösler war es, der Grunenberg als Trainer geholt hatte. Grunenberg steht nun voll hinter der Entlassung Wahnschaffes, wie er gegenüber FanSoccer erklärte. Wahnschaffe habe zu viele Fehler gemacht, die er dann habe ausbügeln müssen. Doch die von Grunenberg aufgeführten konkreten Beispiele erwiesen sich dann bei meinen weiteren Recherchen als nicht belastbar. So erklärte mir Grunenberg, Wahnschaffe habe die zwei von Rösler geholten Ghanaerinnen während seines Urlaubs in die zweite Mannschaft verbannen und gleich wieder nach Hause schicken wollen. Dies bestreitet aber nicht nur Wahnschaffe, sondern auch Rösler selbst erklärte mir den Vorgang anders. Die beiden neuverpflichteten Spielerinnen hätten einfach eine Woche vor dem geplanten Termin nach Deutschland kommen wollen, zu diesem Zeitpunkt habe die erste Mannschaft noch gar nicht trainiert, allerdings die zweite, so dass die Bemühung Wahnschaffes, in Absprache mit dem Trainer der zweiten Mannschaft den Ghanerinnen ein Training in der zweiten zu ermöglichen, sinnvoll gewesen sei. Letztlich kamen die beiden dann doch eine Woche später, was sicherlich die beste Lösung war.

Protestplakat

„Seele der Abteilung futsch” ... für die Fans ist die Sache klar!

Weiter erklärte mir Grunenberg, Wahnschaffe habe versäumt, sich um Ersatz für jahrelang genutzte Container zu kümmern, in denen sich die Spielerinnen fürs Training umkleiden könnten. Er habe dann wenige Tage vor Trainingsbeginn ohne Umkleidekabinen da gestanden und dann selbst über den Polizeisportverein einen Platz mit Umkleidemöglichkeiten organisieren müssen, was aber nicht die Aufgabe sei, für die er sich als Trainer zuständig fühle, er hätte beinahe gar nicht mit dem Training beginnen können. Ich frage mich aber schon, wieso eine Frauenabteilung eines Verein von der Größe TeBes mit zwei Plätzen und festen Umkleidekabinen überhaupt auf Container angewiesen sein soll. Wahnschaffe erklärte mir den Vorgang dann so: Jahrelang seien diese Container von den Frauen nicht nur zum Umkleiden, sondern auch als Büro, Lagerraum und für alles mögliche genutzt worden. Der Vertrag über die Container wurde jedoch im Februar gekündigt und so suchte sie gemeinsam mit Herrn Wöpke (ebenfalls im Vorstand des Fördervereins) nach einem Platz im Mommsen-Stadion für die Container, der sich aber nicht fand. Auch in Verhandlungen mit dem Bezirksamt sei kein neuer Containerstandort zu finden gewesen. Wöpke sollte dann mit einem Vater einer Spielerin, einem Architekten mit Kontakt zu Baufirmen, nach weiteren Lösungen suchen, dies zerschlug sich jedoch, weil sich Wöpke mit dem Vater der Spielerin überwarf. So gäbe es derzeit zwar keine eigenen Container mehr wie früher, aber natürlich nach wie vor die festen Umkleidekabinen bei den Sportanlagen. Von fünf Trainingstagen werde an vieren an der Sportanlage des Vereins trainiert, nur an einem an der Polizeischule.

Auch den Vorwurf Grunenbergs, sie habe versäumt, bei im Sommer auslaufenden Verträgen Optionen zur Verlängerung zu ziehen, entkräftete Wahnschaffe. Dies sei eine gemeinsam mit Rösler getroffene Entscheidung gewesen, die einfach darin begründet sei, dass das Ziehen einer Option ein Verwaltungsvorgang sei, der Gebühren in einer Größenordnung von 120 Euro pro Vertrag kosten würde. Dies sei erfahrungsgemäß meist nicht notwendig. Im Ergebnis hätten sich dann tatsächlich zwei Spielerinnen gemeldet, die dann erklärten, ein Angebot eines anderen Vereins vorliegen zu haben. Doch beide seien letztlich im Verein geblieben, und genau diese finanziellen Entscheidungen, ob man Geld für Optionen ausgibt oder nicht, seien von ihr gar nicht an Rösler vorbei zu treffen gewesen, da dieser bei allem, was ins wirtschaftliche geht, entscheiden müsse.


Kommentar:

Ich möchte Trainer Thomas Grunenberg auf keinen Fall unterstellen, mir absichtlich eine einseitige Darstellung bestimmter Vorgänge geliefert zu haben. Ich habe jedoch den Eindruck, dass er über viele Vorgänge, Hintergründe und Verantwortlichkeiten gar nicht so gut informiert ist, vielleicht auch einseitige Informationsquellen hat. Tatsache ist sicherlich, dass das Verhältnis zwischen Wahnschaffe und dem Trainer, mehr jedoch mit dem Co-Trainer, belastet ist. Nach einem Missverständnis über eine Lappalie, eine „Duschaffäre” die sich im Nachhinein als gegenstandslos erwies, verweigert der Co-Trainer weitestgehend den Kontakt mit der Abteilungsleiterin.

Natürlich ist es für mich als Außenstehenden unmöglich, allein in Gesprächen am Telefon jede Facette eines solchen Konflikts zu erfassen. Es gibt jedoch einige Tatsachen, an die ich mich halten kann. Tatsache ist, dass Gabriela Wahnschaffe über Jahre hinweg ihre Aufgabe als Abteilungsleiterin erfolgreich wahrgenommen hat und von vielen Menschen in der Abteilung als „Seele der Abteilung” wahrgenommen wird. Auf der anderen Seite sehe ich dann den Vorstandsvorsitzenden des Fördervereins Erhard Rösler, der die Entlassung dieser anerkannten Abteilungsleiterin in einer Art und Weise durchführt, die einfach nicht akzeptabel ist. Es ist einfach ein Unding, dass Medienvertreter auf einer Saisoneröffnungspressekonferenz eine Abteilungsleiterin auf dem Podium präsentiert bekommen, die diese Saison gar nicht mehr gestalten soll, weil ihre Entlassung schon beschlossene Sache ist. Dies ist nicht nur stillos gegenüber der langjährigen Abteilungsleiterin, sondern auch ein Affront gegenüber den Medien, denen man kaltlächend Konstrukte und verantwortliche Personen vorstellt, die in diesem Moment schon Makulatur sind.

Dass dann bis heute keine Pressemeldung an die Medien heraus gegeben wurde, verstärkt noch den Eindruck, dass der Vorstandsvorsitzende des Fördervereins überhaupt nicht realisiert, welche Bedeutung die Entlassung einer Institution wie Gaby Wahnschaffe nicht nur für den Verein, sondern auch für die Öffentlichkeit hat. Nicht einmal auf der Website des Vereins finde ich derzeit einen Hinweis auf den Vorgang! Dabei war das Ganze ja sowohl im Radio als auch im Stadion sehr wohl Thema, es ginge also nicht mehr darum, irgendwelche Geheimnisse auszuplaudern, sondern es geht um eine offizielle Stellungnahme, die üblicherweise auch einen Dank an die entlassene Person für langjährige Arbeit enthält, eine Würdigung der gebrachten Leistung und eine Erklärung, warum man sich zu diesem Schritt entschieden hat.

Schließlich ist es für mich eine offensichtliche Tatsache, dass die Entlassung auch innerhalb des Vereins nicht kommuniziert wurde. Nicht einmal alle Mitglieder im Vorstand des Fördervereins, geschweige denn der Vorstand des Gesamtverweins waren eingebunden. Auch dies wieder ein Beleg dafür, dass die agierenden Personen sich der Tragweite ihres Beschlusses in keiner Weise bewusst waren. Dass jetzt über den Ältenstenrat geklärt werden muss, ob der Vorgang überhaupt rechtens ist, hätte durch eine sorgfältige kommunikative Vorbereitung im Vorfeld vermieden werden können.

Bezeichnend finde ich schließlich die Begründung von Erhard Rösler mir gegenüber für das Nichtherausgeben einer Pressemitteilung: er sei sowieso enttäuscht von den Medien, weil so wenige zur Pressekonferenz erschienen seien. Dies taugt in keiner Weise zur Begründung, wieso man auf Presseerklärung und Darstellung des Vorgangs auf der Website verzichtet, zeigt aber die Empfindlichkeit der Person Erhard Rösler und lässt erahnen, wie einfach oder schwierig man sich die tägliche Zusammenarbeit mit diesem Menschen vorstellen muss.

Letztlich sollte es aber nicht um die Befindlichkeiten von Personen gehen, sondern es geht, wie auch Herr Rösler im Gespräch mit mir mehrmals betonte, um den Frauenfußball bei Tennis Borussia Berlin. Es wäre wünschenswert, dass der Hauptstadtverein es schafft, auch im Jahr 2011, wenn die Weltmeisterschaft in Deutschland ausgetragen wird, in der ersten Liga zu sein. Doch um dies zu erreichen, muss sich im Verein offensichtlich einiges ändern. Dem Ältestenrat ist eine glückliche Hand bei seiner Entscheidung zu wünschen, insgesamt sollte sich der Vorstand von nun an wesentlich intensiver mit der Frauenabteilung befassen. Diese Abteilung könnte eine Vorzeigeabteilung von Tennis Borussia Berlin werden. Aber darum muss man sich künmmern.


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