Von Christian Heidler 30.3.2005
Ostermontag, vormittags in Wolfsburg. Das Touristeninformationsbüro am Bahnhof ist zwar geöffnet aber – im Gegensatz zu den Schaltern der „Autostadt“ (Museum) - leider nicht besetzt.
Eine freundliche Dame namens Ostermann (!) versucht vergeblich die gewünschten Informationen zu verschaffen und empfiehlt den Besuch der „Autostadt“ oder des Auto-Museum Volkswagen. Auch dies ist vergebens, denn vor dem Sport soll heute die Kultur auf dem Programm stehen. Schließlich ist Wolfsburg Bestandteil der Bewerbung Braunschweigs und seiner Region zur Kulturhauptstadt Europas 2010. Passend zur jungen, erst 1938 gegründeten Stadt, widmen sich die Museen vorwiegend der modernen Kunst. Auf der anderen Seite des Mittellandkanals und in Sichtweite von „Autostadt“ und Volkswagen Arena befindet sich z.B. die Städtische Galerie, die vom Schloß Wolfsburg beherbergt wird. Unter den Werken der zeitgenössischen Kunst ist auch ein Bild mit dem Titel „Frauenfußball“ zu entdecken. Zugegeben, ohne die Bildunterschrift wäre das Motiv nur schwer auszumachen. Aber so kann der Kulturteil beruhigt abgeschlossen werden und der eigentliche Grund des Osterausflugs in den Vordergrund treten: Die Bundesligapartie des 16. Spieltags zwischen VfL Wolfsburg und FSV Frankfurt.
Bei kühlem aber sonnigen Wetter geht es also zurück in die Innenstadt. Dort im Elsterweg tragen die Frauen ihre Spiele im VfL-Stadion aus, der ehemaligen Heimstätte der ebenfalls Bundesliga spielenden Männer. Während die Männermannschaft also seit Ende 2002 in der nagelneuen Volkswagen Arena aufläuft, steht den Frauen mit dem immer noch gut 17.600 Zuschauer fassenden Stadion eine für einen Frauen- Bundesligisten ausgesprochen gute Infrastruktur zur Verfügung.

Optimistisch im Abstiegskampf: Wolfsburgs Trainer Bernd HunekeArchivbild: Volker Lieberum
Verfügen können die Gastgeberinnen auch über einen offiziell mit 325.000 € angegebenen Saisonetat. Wolfsburg steht damit an dritter Stelle hinter Meister Turbine Potsdam und dem 1. FFC Frankfurt. Der Wechsel im Jahre 2003 vom WSV Wendschott (bis 1996 noch VfR Eintracht Wolfsburg) zum VfL hat sich also bezahlt gemacht. Den Wert des Frauenfußballs innerhalb des Vereins dokumentieren auch die Investitionen zur Winterpause. Unter den vier Neuzugängen befinden sich mit Nancy Augustyniak, die letzte Saison noch in Potsdam aushalf, und Lindsay Greco zwei US-Amerikanerinnen. Der größte Coup dürfte jedoch mit der Verpflichtung von Nationalspielerin Martina Müller aus Bad Neuenahr gelungen sein. Mit diesen Verstärkungen wollen die „Wölfe“ eigentlich der Liga Angst einflößen und sich aus dem Abstiegskampf verabschieden. Doch selbst gegen die unmittelbaren Konkurrenten Crailsheim und HSV konnte zu Hause nicht gepunktet werden. Dabei hatte Trainer Bernd Huneke doch noch unlängst geäußert, er wäre nach wie vor sicher, daß der VfL in der Bundesliga mit Ausnahme von Frankfurt und Potsdam jede Mannschaft schlagen könne.
Mit Frankfurt meint Huneke jedoch Stadtrivale 1. FFC und nicht den FSV Frankfurt. Die Situation der Bornheimer unterscheidet sich doch in einigen Punkten vom VfL. So beläuft sich das Budget des FSV beispielsweise nur auf 165.000 €. Trotz einer durchwachsenen Hinrunde findet sich der FSV auf einem Mittelfeldplatz wieder. Vereinsinterne Schwierigkeiten führten aber zum Wechsel der erst zu Saisonbeginn gekommenen Nationalspielerin Sonja Fuss zu Turbine Potsdam sowie zum Abgang von Teammanager Jürgen Strödter und des offiziellen Übungsleiters Bernd Witzenrath. Auch Nicole Müller gehört nicht mehr zum Kader. Nach der Winterpause konnte die Mannschaft unter dem neuen Trainer Frank Fahle erst eine Partie bestreiten, die beim FCR Duisburg allerdings deutlich mit 1:6 verloren ging.
Kurz vor 14:00 Uhr laufen die Teams unter Wolfsgeheul aus der Lautsprecheranlage in das Stadion ein. Wolfsburgs Weltmeisterin und Langzeitverletzte Steffi Gottschlich wird in Zivil auf der Tribüne gesichtet. Schiedsrichterin Inka Müller aus Stendal pfeift die Partie
|
Sandra Smisek ist nicht leicht vom Ball zu trennen! Archivbild: Volker Lieberum
|
an. Die ersten 25 Minuten haben nicht viel zu bieten. Nur zwei Situationen sorgen für etwas Torgefahr. Einmal verpaßt Patrizia Barucha knapp eine Steilvorlage (5. Minute), ein andermal führt eine Rückgabe zu Torfrau Anne Rißling fast zu einer Schußmöglichkeit für Jenny Meier (10. Minute). In der 25. Minute dann aber das 1:0 für den VfL als ein in den Strafraum getretener Freistoß vom FSV nicht aus der Gefahrenzone befördert werden kann und Torjägerin Martina Müller die Situation zu Gunsten Wolfsburgs ausnutzt. Acht Minuten später wieder ein Freistoß, der zu einem Tor führt. Andrea Wilkens gibt den Ball als Flanke in den Strafraum, der von der herauslaufenden FSV-Keeperin Uschi Holl unterlaufen wird und dann im Netz zappelt. 2:0 für Wolfsburg, angesichts des Spielverlaufs doch ein etwas überraschendes Ergebnis. Frankfurt zeigt nicht nur den reiferen Spielaufbau sondern hat auch deutlich mehr Ballbesitz. Wolfsburg versucht sich dagegen meist mit weiten Pässen auf seine Spitzen Müller und Lindsay Greco, doch sofern diese Pässe nicht im Nirwana landen, werden sie zumeist von der Abwehr des FSV abgefangen. Das erzeugt auch Unmut beim Wolfsburger Publikum, welches teilweise auch die Ablösung des Trainers fordert. Ansprechend ist allerdings der kämpferische Einsatz beim VfL, insbesondere bei der unermüdlich rackernden Martina Müller. Sie stellt ihre Bewacherin Jasmin Krämer oftmals vor große Probleme und bemüht sich, den Spielaufbau der Gäste durch frühes Attackieren zu stören. Sandra Smisek versucht sich in der 43. Minute noch mit einem Fernschuß, der aber von Rißling sicher gehalten wird. Dann ist Pause.

Letzte Saison das Herz der Mannschaft, dieses Jahr nur auf der Tribüne: die langzeitverletzte Nationalspielerin Steffi GotschlichArchivbild: Volker Lieberum
Nach dem Wechsel ändert sich zunächst nicht allzu viel am Geschehen auf dem Platz. Zwar muß Holl gleich in der 46. Minute einen Torschuß entschärfen, aber der FSV bleibt feldüberlegen. So erarbeitet sich Frankfurt während des ganzen Spiels fünf Ecken, während Wolfsburg seine erste und einzige nach einer Stunde zugesprochen wird. Allerdings wird die Partie zunehmend offener, da die Gäste auf den Anschluß drängen und Wolfsburg nun im eigenen Stadion Raum für Konter erhält. Viele Gegenstoßversuche müssen allerdings wegen Abseitsstellungen abgepfiffen werden. Auf beiden Seiten ergeben sich im Verlauf der zweiten Halbzeit noch einige Torraumszenen, die gefährlichsten vielleicht in der Schlußphase als einerseits Martina Müller einen Sturmlauf nicht zum Abschluß bringen kann und auf der Gegenseite Rißling vor Saskia Bartusiak klärt. Tore fallen aber keine mehr, so daß nach dem Schlußpfiff der souveränen
|
Unparteiischen lauter Jubel bei den Fans der Grün-Weißen ausbricht. Insgesamt gesehen geht der Sieg für das Huneke-Team in Ordnung, das sich mit einer kämpferischen Leistung gegen einen alles in allem wenig überzeugenden FSV zu behaupten wußte. Zwar ist es den Hessinnen häufig gelungen über die Flügel an den Wolfsburger Strafraum vorzudringen – vornehmlich über Meier und Barucha - dann aber hat es an der nötigen Durchschlagskraft gemangelt gegen die vielbeinige Abwehr des VfL. Enttäuscht verlassen die Spielerinnen des FSV den Platz, auf dem heute insbesondere Sandra Smisek einiges schuldig geblieben ist. Für Frankfurt könnten noch schwere Zeiten anbrechen, da die Abstiegszone nach den Erfolgen der Kellerkinder bedrohlich nahe gerückt ist. Mit dieser Leistung dürfte der FSV am kommenden Samstag gegen die Nationalmannschaft von Turbine Potsdam sicherlich nichts zu bestellen haben.

Die schnelle Patricia Barucha sorgte für GefahrArchivbild:Tom Schlimme
Wolfsburg hat nach 12 sieglosen Begegnungen in Folge endlich wieder gewonnen, bleibt aber auf dem letzten Tabellenplatz. Um dem Abstieg zu entrinnen, wird der VfL jedoch auch auswärts punkten müssen. Mal sehen ob der letzte Spieltag aus Sicht der Niedersachsen auch ein Feiertag sein wird.
Der Osterausflug geht zu Ende. Vom Zug aus läßt sich noch ein Blick auf die Flutlichtmasten am Elsterweg erhaschen. Dem Ort, wo die hiesigen Wölfe heulen.
VFL Wolfsburg:
Rißling,
Freimuth, Kampf, Augustyniak, Biese,
Weber (64. C. Müller), Wilkens (76. Polze), Greco, Mohs,
M. Müller, Ducan (86. Mörtzsch)
FSV Frankfurt:
Holl,
Smith (67. König- Vialkowitsch), Soyah, Krämer, Kirchhain,
Bartusiak, Stunz (72. Baerthel), Smisek, Hagmann,
Meier, Barucha (67. Koch)
Tore:
1:0 M. Müller (25.)
2:0 Wilkens (33.)
Schiedsrichterin:Müller (Stendal)
Gelb:
Kampf, Ducan
Zuschauer: 240
Zur FanSoccer-Startseite
|