1. Bundesliga 20. Spieltag

In 12 Minuten Essen zerlegt

SC 07 Bad Neuenahr : SG Essen-Schönebeck 5:2 (0:0)

Von Nora Kruse (Text)
und Volker Lieberum (Fotos)

08.05.2005

Zwei Mannschaften, zwei Ziele – diese liegen allerdings weit auseinander. Während die Heim-Mannschaft aus Bad Neuenahr gerne die Saison auf dem vierten Platz abschließen möchte, haben die Gäste aus Essen ganz andere Sorgen: akute Abstiegsgefahr. Schon allein wegen dieser Tabellensituation schien vielen klar zu sein, wer um 15:45 Uhr das Feld als Sieger verlassen sollte. Selbst der Essener Anhang führte wilde Tabellenkalkulationen durch und rechnete eine Niederlage in der Kurstadt mit ein.

Doch die Spielerinnen aus dem Ruhrpott schienen diese Rechnungen nicht mitbekommen zu haben, begannen sie die Partie doch nicht gerade wie ein Team, was mit einem Auge in Richtung zweite Liga blinzelt. Stattdessen war die Anfangsphase ausgeglichen. Ernsthafte Chancen gab es in den ersten Minuten keine, beide Mannschaften machten sich allerdings schon mal mit dem gegnerischen Strafraum bekannt. Bereits in der vierten Minute sagte Charline Hartmann dem Neuenahr-Strafraum hallo, konnte sich aber nicht durchsetzen und der Ball wurde ihr dann doch mehr oder weniger problemlos abgenommen. Zwei Minuten später staunten die Essenerinnen nicht schlecht, als ein Abstoß von Stefanie Löhr im Gäste-Kasten alles andere als weit flog und direkt bei Lydia Neumann landete. Aus der Situation konnte dank Abwehrspielerin Jutta Nardenbach, die heute in der Libero-Position auflief, jedoch kein Profit geschlagen werden.

Insgesamt stand die Essener Abwehr in der ersten Halbzeit sehr „massiv“, wie es auch Doreen Meier, Trainerin der Gastgeberinnen, formulierte. Dennoch erarbeitete sich ihr Team nach etwa einer Viertelstunde leichte Vorteile – allerdings ohne Torerfolg. In der 17. Minute ergatterte Sandra Minnert den Ball im Mittefeld und zog aus der Distanz ab, der Ball ging am Kasten vorbei. Knapp sechs Minuten später setzte sich Bianca Rech in Szene und zog fast die komplette Essener Abwehr auf sich, spielte dann den Ball zu Neumann, die den Ball dann fast freistehend ebenfalls am Kasten vorbei schoss.

Die Aufstellung von Jutta Nardenbach (in blau) auf der Libero-Position sorgte für etwas Überraschung beim SC - und tatsächlich war sie des öfteren die letzte Rettung in der Not.

Essens Probleme lagen in erster Linie in dem sehr zögerlichen Auftreten. Hatten sie einmal den Ball, dauerte der Spielaufbau einfach zu lange, die Spielerinnen warteten, anstatt die Kugel rollen zu lassen und sich gegenseitig auf die Reise in Richtung Tor von Barbara Legrand zu schicken.

In der 35. Minute klappte dies jedoch mal sehr schön: Melanie Hoffmann bekam den Ball im Mittelfeld, spielte flott zu Petra Unterbrink auf der rechten Seite, die dann Hartmann in der Mitte anspielte. Die durfte jedoch mit dem Ball nicht durchstarten, es wurde Abseits gepfiffen – Fehlentscheidung.
Nur fünf Minuten später lief eine Kombination auf der rechten Seite über Unterbrink, Jennifer Balkenhol und Hartmann


Lydia Neumann umspielte alle - Stefanie Löhr und Claudia Mandrysch (v. r.) waren bereits ausgeschaltet, Jutta Nardenbach (l.) konnte auch nichts mehr verhindern. Es hieß 5:1.

Essens Top-Stürmerin war hier jedoch zu zaghaft und schoss den Ball direkt in Legrands Arme.

Dann war Halbzeit und Essen hatte dank dieser gepriesenen massiven Abwehr ein 0:0 beim Favoriten gehalten. Trainerin Meier hatte für diese Halbzeit ihrer Schützlinge nur die Beschreibung „einsatzlos, phantasielos – gar nichts los“ übrig und gab an, in der Kabine etwas lauter geworden zu sein.

Dies schien die Essenerinnen allerdings nicht groß zu kümmern, denn sie waren es, die nach der Halbzeit Druck machten. Dieser führte dann auch dank großer Hilfe von Torfrau Legrand zum 1:0 für die Gäste. Legrand ließ einen sicher geglaubten Ball fallen, Balkenhol stand bereit und drosch die Kugel direkt vorm Tor stehend rein.

Nach dem 1:0 für Essen war die Welt der Ruhrpöttlerinnen noch in Ordnung...

Dann hatte man sogar den Eindruck, die Gäste wollten mehr – doch nur vier Minuten später wurde die „schwarze Viertelstunde“ für die Essenerinnen eingeläutet:

Nach einem Gewurschtel im Essener Strafraum schafften es die Spielerinnen nicht, den Ball aus der eigenen Hälfte zu schlagen und dann war es Isabell Bachor, die sich ein Herz fasste und mit einem herrlichen Schuss – der Ball schien ewig in der Luft zu sein – den Ausgleich schoss. Die Essener Fans hatten ihre gesengten Köpfe noch gar nicht wieder aufgerichtet, als es dann sogar plötzlich 2:1 für die Gastgeberinnen stand. Nach einer Flanke war es Rech mit einem kunstvollen Sprung, die den Ball einköpfte. Dann kam es ganz dicke für die Gäste, Rech schoss in der 57. Minute auch das 3:1. Acht Minuten später hieß es dank Neumann, die alle umspielte, sogar 4:1.

Zweimal spielte Lydia Neumann heute die Essener Abwehr aus und schloss dann auch erfolgreich ab.

Nun war klar, dass die Gäste in der Kurstadt nichts mehr holen würden. Aufgeben – und das muss man wirklich herausheben – kam für sie jedoch nie in Frage. Selbst bei diesem schier aussichtslosen Rückstand zeigten sie vollen Einsatz.

 


Heute mit gutem Spiel und zwei Toren: Bianca Rech

Die Probleme lagen jedoch in dem zögerlichen Auftreten, es fehlte die Spritzigkeit und häufig auch schlicht die Übersicht; die besser postierte Mitspielerin wurde häufig nicht gesehen und so verebbten dann die Chancen. Daher waren es dann wieder die Gastgeberinnen, die in der 83. Minute ihre Möglichkeiten nutzten, Neumann umspielte wieder einmal mehr die Abwehr und traf zum 5:1. Ärgerlich für die Gäste war, dass das Tor aus einem vorher nicht gepfiffenen Foul von Nadine Fols an Karina Hellmann resultierte, das vor den Augen des Linienrichters, der heute im Allgemeinen nicht seinen besten Tag hatte - stattfand.

Kurz vor Spielende schaffte Barbara Müller dann noch das 2:5, was sich die Gäste schon allein aufgrund ihres Einsatzes verdient haben.

Trainer Ralf Agolli zeigt auf der einen Seite kein Verständnis dafür, eine 1:0-Führung noch so dermaßen aus der Hand zu geben, erklärte aber auch, dass er dank der Crailsheimer Niederlage in München nicht „ganz so traurig“ sei.

Aufstellungen:

SC 07 Bad Neuenahr

Legrand, Rech (83. Dünker), Hagedorn, Himmighofen, Minnert, Bender, Sabel, Löhr (76. Demirtas), Neumann, Bachor, Fols

SG Essen-Schönebeck

Löhr, Schubert, Arndt (59. Hellmann), Mandrysch, Balkenhol, Nardenbach, Mpalaskas, Gäggeler, Unterbrink (90. B. Müller), Hoffmann, Hartmann (46. Deilmann)

Schiedsrichterin: Anja Kunick (Lissa)

Zuschauer: 300

Tore:
0:1 Balkenhol (49.)
1:1 Bachor (53.)
2:1 Rech (55.)
3:1 Rech (57.)
4:1 Neumann (64.)
5:1 Neumann (81.)
5:2 B. Müller (90.)

Gelbe Karte: Nardenbach, Hartmann

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