Bundesliga 20.Spieltag

Schneller als gedacht

Hamburger SV - 1.FFC Frankfurt 0:2 (0:1) -
Der 1. FFC Frankfurt macht beim HSV sein Meisterstück

Bilder von Beate Wolter
Text von Christian Heidler

10.5.2005    Die Vorbereitung war wieder gewissenhaft: Der 1. FFC Frankfurt war extra schon am Samstag angereist um ausgeruht in die Partie gegen den gastgebenden Sportverein aus Hamburg gehen zu können. Mit 2:0 wurde die Aufgabe an der Hagenbeckstraße auch ordentlich erfüllt. Doch dann zeigte sich, daß die Vorbereitung nicht perfekt war, denn an den Meistersekt hatte niemand gedacht.

Damit hatte man halt nicht gerechnet, daß ausgerechnet der Lokalrivale Schützenhilfe leisten würde. Doch der FSV hatte in seinem bereits um 11 Uhr angepfiffenen Heimspiel dem amtierenden Meister Turbine Potsdam überraschenderweise ein Unentschieden abgetrotzt!

Etwas unerwartet aber auch die Taktik der Gastgeber, denn der HSV verschanzte sich keineswegs vor seinem Strafraum, sondern war bemüht, das Spiel offen zu halten. Stand der HSV einmal tief hinten drin, dann war dies eher das Ergebnis einer Frankfurter Druckperiode und gefiel Hamburgs Trainer Andrew Pfennig hörbar wenig.

Sarah Günther im Angriff. Um sie herum ihre zukünftigen Mannschaftskameradinnen Steffi Jones, Pia Wunderlich, Renate Lingor und Judith Affeld (v.l.n.r.)

Mehr Gefallen hatte der scheidende Coach sicherlich an den Offensivbemühungen seiner Schützlinge, denn sehr zum Ärger seines Pendants, Frankfurts Trainer Hans-Jürgen Tritschoks, kam der HSV bereits nach zehn Minuten zu seiner ersten und beileibe nicht letzten Chance. Leider fehlte beim HSV aber Tanja Vreden. Gewiß, mit der Nr. 9 auf dem Rücken war eine Hamburgerin auf dem Feld, die „Makrele“ in vielem sehr ähnlich war – lauffreudig, immer wieder die Seiten wechselnd, robust in den Zweikämpfen, antrittsschnell und nahezu jede Gelegenheit zum Torschuß suchend – doch die „echte“ Tanja Vreden kennt man als eine Knipserin, die an solch einem Nachmittag mit Sicherheit ihr Tor geschossen hätte. Diesmal hatte aber weder Vreden noch eine andere Spielerin des HSV vom berühmten Zielwasser getrunken. Und was dann doch aufs Tor kam, das entschärfte die glänzend aufgelegte Marleen Wissink, holländische Nationaltorhüterin in Frankfurter Diensten.

Ähnlich verhielt es sich auch mit Aferdita Kameraj, die unbenommen wieder eine starke Leistung bot, es diesmal aber nicht vermochte, Birgit Prinz gänzlich abzumelden. Das Gute daran ist andererseits, daß die „Gelbkönigin“ ihre Kartensammlung – bereits 10 im laufenden Wettbewerb – nicht noch erweiterte. Überhaupt verlief die Begegnung ziemlich fair, so daß Schiedsrichterin Elke Fehlow keine Probleme mit der Leitung der Partie hatte. Womit nicht gesagt sein soll, beide Teams hätten keinen Einsatz gezeigt. Gekämpft wurde wohl, allein der letzte Biß fehlte auf beiden Seiten.

Auch Sarah Günther nahm sich gegen ihre künftigen Teamgenossinnen nicht zurück und ging engagiert in die Zweikämpfe. Ihr galt auch der Szenenapplaus der gut 700 Zuschauer als sie sich mit einer Kette von akrobatischen Einlagen einmal am linken Flügel herrlich durchsetzen konnte. Das war aber schon in der zweiten Halbzeit, als das Spiel schon entschieden schien.

Aus der ersten Halbzeit ist jedoch noch zu vermelden, daß von den Chancen, die hüben und drüben waren, ausgerechnet eine genutzt wurde, die eigentlich gar nicht so zwingend war. Als die HSV-Abwehr nämlich einen Ball vermeintlich aus der Gefahrenzone gedroschen hatte, erlief Abwehrspielerin Kathrin Kliehm das Spielgerät und zog einfach ab.


Silva Lone Saländer am Ball. Hinten beobachtet ihre Mannschaftskameradin Sarah Günther die Szehe. Tina Wunderlich, Louise Hansen und Pia Wunderlich (alle Frankfurt) warten darauf, ihr den Ball abnehmen zu können. Vor Pia Wunderlich Aferdita Kameraj vom HSV. Im Hintergrund feuert Frankfurts Trainer Tritschoks sein Team an.

Der satte Fernschuß schlug über Bianca Weech ein und ließ die ansonsten gut haltende Hamburger Torfrau etwas alt aussehen. 40 Minuten waren bis dahin schon gespielt und die ganz in Rot angetretenen Gäste aus Hessen waren erleichtert, daß ihre Angriffsbemühungen endlich von Erfolg gekrönt waren.

Bald darauf ertönte der Halbzeitpfiff, der sicherlich vor allem von den kleinen Ballmädchen, die ein Hamburger Stadtteilverein stellte, herbeigesehnt wurde. Sie hatten ihren Dienst hinter den Linien nämlich anfangs nur in ihrer Spielkleidung angetreten und das war angesichts des kalten Windes, der durch das Wolfgang-Meyer-Stadion blies, eindeutig zu wenig. Die steife Brise hatte jedoch auch ihr Gutes, da sie die grauen Regenwolken weiter trieb. So blieben die Kleinen – nun in wärmenden Trainingsklamotten – ebenso wie alle übrigen Anwesenden auch in den zweiten 45 Minuten von Regen und Hagel verschont.

Schonend ging auch der FFC zu Werke, dem eine eher durchschnittliche Leistung zum 2:0-Sieg gereichte. Wobei das zweite Tor wirklich sehenswert herausgespielt war. Wie schon öfters zuvor, versuchte sich Frankfurt über die Flügel. In der 71. Minute war es jedoch Abwehrspielerin Judith Affeld, die sich auf links fast bis zur Grundlinie durchtanken konnte und dann mustergültig auf die im Strafraum stehende Birgit Prinz paßte. Unbedrängt ließ sich die Weltfußballerin diese Gelegenheit nicht entgehen. Diesmal war Weech wirklich machtlos.

In Frankfurts Abwehr haperte es häufiger an der Abstimmung, was Tritschoks veranlaßte, seine Spielerinnen mit Zwischenrufen aufzurütteln. Später folgten Wechsel und Umstellungen. Im Mittelfeld „glänzte“ Louise Hansen mit einigen überhasteten Abspielen, aber alles in allem lief es bei den Gästen.

Hier gratuliert Hamburgs Svenja Cohn den Frankfurterinnen Renate Lingor, Birgit Prinz und Kerstin Garefrekes, die sich über den gerade errungenen Meistertitel freuen.

Hamburg hingegen schien nicht recht an sich zu glauben. Obwohl ganz gut im Spiel, legte der HSV keinen höheren Gang ein um vielleicht noch einen Punkt zu retten. Eine achtbare Niederlage war den Norddeutschen offensichtlich schon genug, auch wenn damit der Klassenerhalt noch nicht endgültig in trockenen Tüchern ist.

Zweimal mußte die Partie im zweiten Durchgang wegen Verletzungen unterbrochen


werden. Zunächst hatte Pia Wunderlich Katharina Freitag regelrecht abgeschossen, d.h. aus Nahdistanz gegen den Kopf geschossen, so daß Freitag benommen liegen blieb. Frankfurts Teamarzt Hans-Joachim Kerger eilte Pfennig zu Hilfe, da der HSV merkwürdigerweise keinen medizinischen Betreuer parat hatte. Freitag mußte durch Janka Rohrberg ersetzt werden. Später war Tritschoks sehr aufgebracht als die eingewechselte Meike Weber durch eine Hanseatin von hinten niedergestreckt worden war. Die gut postierte Unparteiische sah darin jedoch kein Foul, so daß der HSV einen gefährlichen Angriff starten konnte. Dankbaren Applaus vom eher zurückhaltenden Publikum erntete Sarah Günther bei ihrer Auswechslung in der 81. Minute. Bundestrainerin Tina Theune-Meyer nahm derweil kaum noch Notiz vom Spielgeschehen. Sie genoß die Unterhaltung mit den jüngsten Nachwuchshoffnungen Hamburgs.

Aferdita Kameraj und Birgit Prinz (die beiden Spielerinnen rechts) werden wohl nie gute Freundinnen. Auch diesmal hatten sie sich etwas zu sagen...

Richtig Stimmung kam dann aber mit dem Schlußpfiff auf. Denn nach 19 siegreichen Saisonspielen stand der 1. FFC Frankfurt definitiv als neuer Deutscher Meister fest. Die Frankfurterinnen fielen sich jubelnd um den Hals, tanzten singend umringt von den aufs Feld geeilten Zuschauern im Kreis, Fernsehen und Fotografen kamen zu den ersehnten Bildern und die Schar der Autogrammjäger zu den heiß begehrten Unterschriften.

Etwa eine Dreiviertelstunde später kümmerte sich Marleen Wissink wieder um ein Tor: Diesmal öffnete sie die Ausfahrt des Stadiongeländes für den Bus. Drinnen stärkten sich Mannschaft und Trainerstab mit Pizza und prosteten sich mit alkoholfreien Getränken zu. Bier oder gar Sekt zum feiern, fehlte freilich, denn wie gesagt, die Meisterschaft kam schneller als gedacht.

Hamburger SV:

Weech, Cohn, Gärtner, Kameraj, Haye, Freitag (73. Rohrberg), Engel, Günther (81. Stecke), Saländer, Schubert (46. Patzke), Vreden

1. FFC Frankfurt:

Wissink, T. Wunderlich, Kliehm (83. Weichelt), Jones, Hansen, Affeld (76. Weber), Lingor, Garefrekes, Prinz, P. Wunderlich, Albertz (59. Künzer)

Tore:
0:1 Kliehm (40.)
0:2 Prinz (71.)

Schiedsrichterin: Elke Fehlow (Zeestow)

Zuschauer: 720

Karten: -


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