1. Bundesliga, 3. SpieltagEin Topspiel welches den Namen verdient1.FFC Turbine Potsdam - 1.FFC Frankfurt 2:1 (0:0) | ||
Von Sascha Pfeiler 30.08.2010 Von einer Vorentscheidung in Sachen Meisterschaft möchte wohl zu diesem Zeitpunkt der Saison noch niemand sprechen, ein Topspiel mit Möglichkeit zur Standortbestimmung der beiden Topklubs der 1. Bundesliga war dieses Spiel allemal. Turbine ist ideal in die Liga gestartet; 2 Siege in 2 Spielen gegen den Hamburger SV und bei Bayern München, 6 Punkte - mehr geht nicht. Aus Frankfurter Sicht war der Saisonbeginn nicht ganz so gut, hat man doch gleich am ersten Spieltag gegen den VfL Wolfsburg, für viele diese Saison ein Geheimfavorit, knapp mit 4:3 verloren. Am zweiten Spieltag dann er erwartet hohe Sieg gegen Aufsteiger Herford. Der 1.FFC Frankfurt könnte also mit einem möglichen Sieg beim Erzrivalen Turbine Potsdam punktemäßig wieder gleichziehen. ![]() Beide Mannschaften hatten sich viel vorgenommen und zeigten das in den Zeikämpfen so wie hier die Amerikanerin Alexandra Krieger (links) mit Jessica Wich Es stand also ein wahres Topspiel am 3. Spieltag auf dem Programm, auch wenn der Wettergott das vor dem Anpfiff nicht so sah, denn die 1.707 Zuschauer im Karl-Liebknecht-Stadion standen im Regen, soweit sie nicht auf der überdachten Haupttribüne saßen. Ein Topspiel also, oder vierfacher gegen siebenfacher Deutscher Meister, oder einfach "jung gegen alt". Denn die Startelf der Potsdamerinnen hatte einen Altersdurchschnitt von 21,8 Jahren, dagegen die erste Elf der Frankfurterinnen mit 27,1 Jahren. Genug mit dem Gerede vom vermeintlichen Topspiel, schauen wir uns das Spiel an: Bernd Schröder setzte mit nur einer Veränderung in der Startelf im Vergleich zum letzten Spiel in München auf Konstanz. Für Yuki Nagasato rückte Jessica Wich in den Turbine-Angriff. Im Tor wie auch letzte Woche wieder Anna-Felicitas "Felix" Sarholz. Sven Kahlert stellte seine Frankfurterinnen enorm um. Ariane Hingst sollte mit ihrem guten Defensivdenken das Spiel aus dem zentralen Mittelfeld lenken. Melanie Behringer rückte auf Links und in der Innenverteidigung nahm die Amerikanerin Gina Lewandowski Hingst's angestammte Position ein. Im Sturm bekam die U20-Weltmeisterin Dzsenifer Marozsan den Vorzug vor der erfahrenen Conny Pohlers. ![]() Potsdams Trainer Bernd Schröder wie man ihn kennt. Fast jede Spielsituation wird von ihm sofort lautstark kommentiert. Und Frankfurt legte los wie die Feuerwehr. Bereits in der dritten Minute bediente Marozsan aus dem Mittelfeld Birgit Prinz, die schnell auf Angriff umschaltete und die noch nicht geordnete Dreierkette der Turbinen mit einem Pass in den Lauf von Kerstin Garefrekes überraschte. Garefrekes stürmte auf halbrechts alleine auf Ana-Felicitas Sarholz zu, zog ab, doch die Potsdamer Torfrau reagierte blitzschnell, lief aus ihrem Tor heraus und parierte hellwach zur Ecke. Die Mittelfeldreihen beider Teams neutralisierten sich in der Anfangsphase auf hohem Niveau. In der 13. Minute setzte sich zum ersten Mal Fatmire Bajramaj mit einem beherzten Solo auf der rechten Seite durch, zog am Strafraum in die Mitte, doch ihren Torschuss konnte Nationalspielerin Nadine Angerer im Frankfurter Tor sicher halten. ![]() Rot für Tabea Kemme (rechts) nach ihrem Einwurf ins Gesicht von Kerstin Garefrekes in der 23. Minute. Dann die 23. Minute und wohl der größte Aufreger des Spiels. Potsdams Tabea Kemme warf in einer Unbeherrschtheit ihren Einwurf der zu nah stehenden Kerstin Garefrekes ins Gesicht, die dadurch zu Boden ging. Schiedsrichterin Miriam Dietz ahndete dies richtigerweise als Unsportlichkeit und stellte Kemme mit glatt Rot vom Platz. Frankfurts Trainer Sven Kahlert fand direkt nach dieser Aktion wohl deutliche Worte, griff noch dazu Kemme an die Schulter und wurde daher ebenfalls für das restliche Spiel auf die Tribüne verbannt. |
Der Aufreger des Spiels in der 23. Minute. Schiedsrichterin Miriam Dietz (zweite von links) ahndet den Einwurf von Tabea Kemme (ganz links) direkt ins Gesicht der zu nah an der Seitenlinie stehenden Kerstin Garefrekes (am Boden) als Unsportlichkeit und schickt Kemme in die Umkleidekabine. | |
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Auf den bevorstehenden fast 70-minütigen Kraftakt für Potsdam musste Trainer Schröder reagieren. Er brachte für die Stürmerin Jessica Wich die schnelle Mittelfeldspielerin Daniela Löwenberg. Nach dem Platzverweis verflachte die Partie bis zur Halbzeitpause. Kaum noch klar herausgespielte Aktionen auf beiden Seiten, keine zwingenden Torszenen, stattdessen ein ruppiges und sehr körperbetontes Spiel. Kerstin Garefrekes wurde fortan bei jeder Ballberührung vom Potsdamer Publikum lautstark ausgepfiffen. In der 40. Minute kam erneut "Lira" Bajramaj über die rechte Seite, flankte in die Mitte, doch vor dem Tor stand keine Potsdamer Abnehmerin. Jennifer Zietz versuchte es von links erneut mit einer Flanke, die weder die herangelaufene Anja Mittag noch Viola Odebrecht verwerten konnte. ![]() Frankfurts Kapitänin und Torfrau Nadine Angerer versuchte mit ihren Abwürfen das Spiel ihres Teams nach vorne schnell zu machen. Rechts Saskia Bartusiak. In der Halbzeitpause reagierte Bernd Schröder mit einem erneuten Wechsel. Corina Schröder ersetze Nadine Keßler, Frankfurt kam unverändert auf den Platz und hatte auch gleich die erste klare Aktion im zweiten Durchgang. Die Schwedin Sara Thunebro setzte eine wunderschöne Flanke von links in den Potsdamer Strafraum, Josephine Henning kann den Ball nicht entscheidend klären und so kam die durch die Pfiffe im Stadion noch bissiger wirkende Garefrekes im 5-Meterraum zum Schuss, unhaltbar für Sarholz. 0:1 für den 1.FFC Frankfurt in der 48. Spielminute. ![]() Das 0:1 durch Kerstin Garefrekes (rechts). Potsdams Josephine Henning (Mitte) kann nach einer Unaufmerksamkeit nicht entscheidend eingreifen. Für Ana-Felicitas Sarholz gab es hier nichts zu halten. Turbine musste nun mehr tun und trotz der Dezimierung nach vorne spielen, wollten sie wenigstens einen Punkt in Brandenburg behalten. In der 51. Minute wieder Frankfurt, als sich die Neu-Frankfurterin Melanie Behringer an der Strafraumgrenze mit einer geschickten Körperdrehung gegen Löwenberg und Schröder durchsetzen konnte und völlig frei zum Torschuss kam. Diesen verzog sie aber, Sarholz musste nicht eingreifen, denn der Schuss ging rechts oben am Potsdamer Tor vorbei. Bernd Schröder wechselte in der 64. Minute die in der ersten Halbzeit erst eingewechselte Löwenberg wieder aus und setzte nun wieder auf die Offensive, indem er die Japanerin Yuki Nagasato brachte. Dieser Wechsel sollte sich im Verlauf des Spieles noch bezahlt machen. ![]() Großer Jubel des Potsdamer Publikums nach dem Ausgleichstreffer von Anja Mittag in der 68. Minute. In der 68. Minute kam nach einem Fehlpass von Sara Thunebro an der Mittellinie Bajramaj an den Ball und startete einen ihrer bekannten Sololäufe durch die Frankfurter Hälfte. 5 Meter vor dem Strafraum passte sie nach links auf Anja Mittag, die sich mit einer einfachen Finte gegen Ariane Hingst, Alexandra Krieger, Saskia Bartusiak und die heraneilende Melanie Behringer durchsetze und aus ca. 20 Metern einfach abzog. Der Ball schlug unhaltbar für Nadine Angerer links oben zum Ausgleich ein. Nun waren die Hessinnen also wieder gefordert. 2 Minuten nach Potsdams Ausgleich kam es zu einer Art kurzzeitigem Powerplay der Frankfurterinnen vor dem gegnerischen Strafraum. Eine sehenswerte Flanke von Alexandra Krieger konnte Birgit Prinz nicht verwerten. Und schon ging es wieder in die andere Richtung; einen blitzschnellen Angriff über Bajramaj und Odebrecht nutzte Corina Schröder zu einer langen Flanke von links auf Nagasato, die aus fast unmöglicher Position und sehr spitzem Winkel über Thunebro und Angerer hinweg zum 2:1 einköpfte (74.). |
Wie so oft im Fussball hat also das in Unterzahl spielende Team das Spiel auf den Kopf gestellt. Aber Frankfurt nun mit der Schlussoffensive. Für Dzsenifer Marozsan wurde die Schwedin Jessica Landström eingewechselt und Svenja Huth kam für Melanie Behringer. In der 79. Minute bediente Krieger mit einer Zuckerflanke die im Potsdamer Strafraum alleingelassene Ariane Hingst, die wunderschön mit der Brust annahm und schulmäßig abzog. "Felix" Sarholz im Turbinetor reagierte mit einer ihrer bekannten Weltklasse-Parade. Kurz darauf verzog Meike Weber ihren Torschuß nach Pass von Garefrekes und auch die letzte zwingende Aktion des Spiels, ein direkt aufs Tor geschossener Eckball von Birgit Prinz, konnte durch Sarholz in höchster Not weggefaustet werden. Ab der 88. Minute riefen die Potsdamer Fans schon "Abpfeifen, Abpfeifen" und dann erlöste Schiedsrichterin Dietz das Rund. Großer Jubel über einen glücklichen aber beherzten Sieg in einem Kraftakt für Turbine Potsdam. Der 1.FFC Frankfurt hat es nicht geschafft, eine knapp 70-minütige Überzahl und 0:1 Führung in einen Sieg umzumünzen. Turbine Potsdam hingegen setzte seine wenigen Chancen eiskalt in Tore um, kämpfte sich nach dem Rückstand ins Spiel zurück und Bernd Schröder bewies mit seinen Einwechslungen mal wieder sein goldenes Näschen. ![]() Yuki Nagasato (rechts) machte mit ihrem Kopfballtor zum 2:1 den Sieg von Turbine in Unterzahl perfekt; hier im Zweikampf mit der U20-Weltmeisterin Svenja Huth. Bei den Frankfurterinnen kann man nach 3 absolvierten Spieltagen mit einem Sieg und zwei Niederlagen durchaus von einem Fehlstart sprechen, gerade weil Turbine mit einer weißen Weste und 9 Punkten und damit schon mit 6 Punkten Vorsprung auf Frankfurt gleichauf mit dem VfL Wolfsburg an der Tabellenspitze steht. Eine Vorentscheidung im Meisterschaftsrennen ist dies wahrlich noch nicht, aber ein durchaus deutliches Ausrufezeichen. Sicher könnte man noch lange über die Situation aus der 23. Minute reden, ob der Platzverweis für Kemme überzogen war, ob nicht auch Garefrekes hätte verwarnt werden müssen?! Oder ob in einem Fussballstadion Zuschauer eine Spielerin des Gegners und deren Trainer, der auf die Tribüne zwischen die aufgebrachte Menge verbannt wurde, knapp 70 Minuten lang auspfeifen und beschimpfen müssen, ausgerechnet im WM-Jahr im ach so freundlichen Deutschland?! Oder ob im Fussball eine durch einen Platzverweis deziemierte Mannschaft einfach immer gewinnen muss, weil dies die Statistik so will?! Oder ob ein Topteam eine personelle Überzahl einfach clever ausnutzen können und so ein Spiel gewinnen muss?! ... ... Diese Diskussionen sind das Salz in der wöchentlichen Suppe eines jeden Fussballfans und gehören genauso dazu, wie das Spiel selber. Hier sind also die Fakten des Spiels, diskutiert wird sicher längst woanders, und das bestimmt noch bis zum nächsten Topspiel.
1.FFC Turbine Potsdam:
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