1. Bundesliga, 20. SpieltagIn letzter Sekunde1. FFC Frankfurt - 1. FFC Turbine Potsdam 2:1 (0:0) | ||
Text von Tom Schlimme 28.04.2010 Eine Zeit lang sah es so aus, als würde der 1. FFC Turbine Potsdam ausgerechnet beim alten Erzrivalen Frankfurt vorzeitig die Meisterschaft feiern können. Doch ein Tor von Ariane Hingst in der 86. und ein von Birgit Prinz verwandelter Foulelfmeter in der letzten Spielsekunde drehten das Spiel noch auf der Zielgeraden. „Wir haben uns selbst geschlagen” meinte Turbine-Trainer Bernd Schröder hinterher in der Pressekonferenz. „Erst die völlig unnötige gelbrote Karte von Nadine Keßler, dann die glasklaren Chancen, auf 2:0 zu erhöhen, die Anja Mittag verpasst hat, und dann macht auch noch eine meiner erfahrensten Spielerinnen, Viola Odebrecht, die Petra Wimbersky genau kennt und weiß, wie die sich bewegt, den Fehler und foult Wimbersky in der Nachspielzeit im Strafraum” haderte Schröder mit dem Spielverlauf und mit seiner Mannschaft. Der 1. FFC Frankfurt nahm die große Kulisse zum Anlass, um sich von seiner langjähringen Spielerin, Weltmeisterin Pia Wunderlich, zu verabschieden, die ihre Karriere beendet hat. Im Bild links neben Wunderlich Manager Siegfried Dietrich, rechts FFC-Vorsitzende Doris Dietmayr Die erste Bundesliga-Niederlage dieser Saison fuchste Schröder mächtig, und so polterte er los: „Frankfurt hat bis zum Tor von Hingst überhaupt keine Chancen gehabt, wir waren das klar bessere Team, hätten gewinnen müssen!” – Gelächter und Raunen im Saal – „ja, wenn man das mit Frankfurter Brille sieht, sieht man das natürlich anders!” legte Schröder nach. Potsdams Trainer Bernd Schröder konnte sich nur sehr schwer mit der Niederlage seines Teams abfinden Nun, Frankfurter Brille hin oder her, ein paar große Chancen hatten die Frankfurterinnen schon, zuvorderst zu nennen ein Flugkopfball, den Birgit Prinz an die Lattenunterkante donnerte, von wo der Ball aber vor der Linie auf den Boden sprang. Frankfurt war die Mannschaft mit mehr Ballbesitz, und erkämpfte sich etliche brisante Szenen im Strafraum von Turbine. Eine der zahlreichen Frankfurter Torchancen: Turbines Keeperin Anna-Felicitas Sarholz kann hier einen eigentlich unhaltbaren Ball gerade noch mit einer Hand erwischen, der Ball kullert weiter auf die Torlinie zu, Babett Peter erwischt ihn aber gerade noch rechtzeitig „Natürlich hatte Frankfurt mehr Ballbesitz, das wollten wir ja, wir hatten unsere Chancen gerade durch dieses System!” kämpfte Schröder weiter um die Krone, Trainer der besseren Mannschaft gewesen zu sein. Sein Konkurrent am heutigen Tage, Frankfurts Trainer Sven Kahlert, hatte es angesichts des Ergebnisses leicht, cool zu bleiben: „Frankfurt hatte mehr Spielanteile, wir haben diesen Sieg mit Mut, Glück und Leidenschaft errungen und eine tolle Moral bewiesen. Ich gratuliere trotzdem schon dem 1. FFC Turbine Potsdam zum Einzug ins Finale der Champions League und zur Meisterschaft, die dem Verein nicht mehr zu nehmen sein wird,” erklärte Kahlert. ![]() "Felix" Sarholz beobachtet hier einen Zweikampf zwischen der Frankfurterin Sara Thunebro und Viola Odebrecht |
Dieses Tor brachte Frankfurt noch auf die Siegerstraße: Ariane Hingst hebt den Ball über Anna-Felicitas Sarholz zum 1:1 Ausgleich in die Maschen | |
Es war ein spannendes, über weite Strecken auch hochklassiges Spiel vor einer Bundesligarekordkulisse von 4320 Zuschauern gewesen. Davon waren 1000 Beschäftigte der Stadt Frankfurt, die in einer beispielhaften Aktion Freikarten bekommen hatten, um für die WM 2011 zu werben. ![]() In wenigen Stunden waren 1000 Eintrittskarten an Mitarbeiter der Stadt Frankfurt vergeben. Frankfurt fiebert mit - die Fußballfrauen sind der Hit! Potsdam hatte stark begonnen, Frankfurt in den ersten Minuten fast in der eigenen Hälfte eingeschnürt, und nach einem Fehler von Ariane Hingst, die sich von Yuki Nagasato den Ball abjagen ließ, kam Anja Mittag zur ersten guten Chance des Spiels, doch Nationalkeeperin Nadine Angerer blieb im direkten Vergleich Siegerin. Danach löste sich Frankfurt etwas, Kerstin Garefrekes kam zu einem Schuss aus der Drehung, der zur Ecke abgewehrt wurde. Aber in den ersten 25 Minuten blieb Potsdam leicht überlegen. Dies änderte sich dann, möglicherweise auch bedingt durch eine Umstellung beim FFC. Dzsenifer Marozsan, die wieder zentral im Mittelfeld gespielt hatte, musste verletzt ausgewechselt werden (Mittelfußprellung). Für sie rückte Garefrekes in die Zentrale und Svenja Huth kam ins Spiel und nahm die rechte Flügelposition von Garefrekes ein. Huth machte eins ihrer besten Spiele überhaupt, und ob dadurch oder einfach sowieso, Frankfurt wurde nun stärker. ![]() Svenja Huth, hier gegen Potsdams Torschützin Lira Bajramaj, machte ein gutes Spiel Die Potsdamerinnen kamen nun öfter zu spät und wussten sich in dieser Phase nur noch durch Fouls zu helfen. So holten sich kurz hintereinander Jennifer Zietz und Nadine Keßler die gelbe Karte ab, (30. und 33. Minute). Nur eine Minute, nachdem sie wegen Foulspiels gelb gesehen hatte, wurde Keßler wegen Handspiel zurückgepfiffen, spielte den Ball aber noch ins Tor - Unsportlichkeit, gelb rot. Schröder sprach hinterher von „mangelndem Fingerspitzengefühl” der Schiedsrichterin, wobei er gleichzeitig auch seine Spielerin vor Vorwürfen nicht verschonte. Doch was soll eine Schiedsrichterin in einer solchen Situation tun? Ist eine Spielerin, die gerade gelb gesehen hat, erst einmal tabu und sollte nicht gleich wieder bestraft werden? Oder ist es nicht viel eher umgekehrt so, dass eine Spielerin, die verwarnt wurde, geradezu aufgefordert ist, sich von jetzt an korrekt zu verhalten? ![]() Nadine Keßler, die hier zwischen Ariane Hingst und Saskia Barusiak zum Kopfball kommt, musste nach 34 Minuten mit gelbrot den Platz verlassen Frankfurt war nun überlegen und kam auch zu Chancen. Wimbersky schob den Ball aber nur über das Tor nach Anspiel durch Huth, und auch ein satter Schuss von Sara Thunebro strich knapp vorbei, nachdem sich die Abwehrspielerin in schöner Kombination mit Wimbersky nach vorne gespielt hatte. Dazwischen kam aber auch Mittag zu einer weiteren Chance, doch wie vorher schon wehrte Angerer im Stile eines Handballtorwarts den Schuss aus kurzer Entfernung ab. Die letzte Chance vor der Halbzeit hatte wieder Frankfurt, doch Turbine-Keeperin Anna Felicitas (Felix) Sarholz bewies gute Strafraumbeherrschung, indem sie eine schöne Flanke von Thunebro noch vom Kopf von Prinz holte. |
Nach dem Seitenwechsel drückte Frankfurt weiter, lief sich aber meist schon vor dem Strafraum der aufmerksam verteidigenden Turbinen fest. Wie es oft so geht in solchen Spielphasen, das Tor machte plötzlich Potsdam, als Lira Bajramaj steil geschickt die Innenverteidigung austanzte und von der Strafraumgrenze aus unhaltbar abzog. Doch Frankfurt bewies die Moral, die Trainer Kahlert hinterher loben sollte, drückte weiter und kam zu weiteren Chancen. In der 63. Minute wurden zwei Schüsse hintereinander abgewehrt, der Ball blieb aber im Strafraum, kullerte dann nach einem abgefälschten Schuss von Wimbersky auf die Torlinie zu - im letzten Moment konnte er noch von Babett Peter weggeschlagen werden. "Felix" Sarholz zeigte Klasseparaden, hielt einen Schuss von Sandra Smisek, lenkte einen Ball von Thunebro noch zur Ecke und hatte dann auch noch Glück, als nach einem Superlauf von Prinz Kerstin Garefrekes abzog, aber die eigene Mitspielerin, die eingewechselte Leni Larsen Kaurin, traf. Potsdam blieb, das hat Schröder richtig gesehen, mit Kontern gefährlich, und Nadine Angerer musste in der 78. Minute ein weiteres Mal gegen Anja Mittag einen Klassereflex zeigen, um ihr Team im Spiel zu halten. Aber auf der anderen Seite hatte Sarholz mehr zu tun, hielt einen harten Schuss von Smisek, und als dann wenig später der erwähnte Flugkopfball von Prinz von der Unterkante der Latte wieder aus dem Tor sprang, schrieb ich auf meinen Zettel: "verhext" und rechnete fest mit einer Niederlage des Frankfurter Teams. Dann war der Ball sogar noch hinter der Frankfurter Torlinie, doch nach Anspiel von Mittag war Bajramaj im Abseits gewesen. Praktisch im Gegenzug hob dann Ariane Hingst, die es schon lange nicht mehr in der Abwehr gehalten hatte, den Ball über Sarholz ins Turbine-Tor und am Ende der Nachspielzeit kam es dann noch zum Foul von Odebrecht an Wimbersky und zum Elfmetertor von Prinz. Hier kommt Petra Wimbersky gegen Viola Odebrecht zum Flanken. In der letzten Minute entschied schließlich das Duell dieser beiden Spielerinnen das Spiel Es ist müßig, zu diskutieren, wer jetzt besser gespielt haben soll. Es trafen unterschiedliche Spielweisen aufeinander, Frankfurt stürmte und hatte mehr Ballbesitz, Potsdam konterte und hatte dabei wirklich gute Chancen, das lässt sich alles nur schwer vergleichen, und deswegen zählt am Ende das, was sowieso zählt, das Ergebnis. Und da sieht es so aus, dass Potsdam die erste Saisonniederlage kassiert hat und Frankfurt in der Rückrunde gegen die beiden ersten der Tabelle gewonnen. Darauf lässt sich in Frankfurt für die kommende Saison allemal aufbauen.
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