Text und Fotos von Fuxi 17.10.2006
Wer hätte das vor der Saison gedacht, dass der HSV und Turbine Potsdam bei ihrem ersten Aufeinandertreffen punktemäßig auf Augenhöhe sein würden? Vor allem: Keiner hätte sich diese Tabellenregion vorgestellt. Turbine rangierte nach Auftaktniederlagen in Essen und gegen Wolfsburg und einem 3:1 gegen Crailsheim auf Platz 7. Der HSV hatte auswärts zweimal 1:4 verloren und gegen Freiburg 3:1 gewonnen. Beide hatten nur drei von neun Punkten geholt, beide waren damit nicht zufrieden. Zudem war Potsdam im UEFA-Cup-Viertelfinale bei Brøndby IF Kopenhagen mit 0:3 klar unterlegen. Das vor allem war die größte Hoffnung auf Seiten der Gastgeber, endlich auch in der Liga gegen den Meister und Pokalsieger zu gewinnen.
HSV-Trainer Achim Feifel baute beim Favoriten auf ein 4-4-2 mit Ketten in Abwehr und Mittelfeld. Vor Bianca Weech musste er die erkältete Kapitänin Alexandra Gärtner ersetzen. In der Mitte verteidigten Youngster Christina Plessen und Janina Haye, auf den Außenbahnen links Christine Schoknecht und rechts Friederike Engel. Die Außenpositionen im Mittelfeld besetzten Marion Wilmes links und Anna Mirbach rechts. In der Mitte war Silva Lone Saländer halblinks für die Vorwärts-, Imke Wübbenhorst halbrechts für die Rückwärtsbewegung zuständig. Im Sturm wie gewohnt Shelley Thompson und Ersatzkapitänin Tanja Vreden.

Duell der Erfahrenen: Hier bleibt Ex-Rothose Britta Carlson (Nr. 4) an Marion Wilmes hängen.
Turbines Coach Bernd Schröder, der auf Navina Omilade und Stefanie Draws verzichten musste und vor der Partie, ungewohnt tiefgestapelt, es als nicht sicher bezeichnet hatte, dass die Punkte nach Potsdam gingen, setzte auf ein 3-4-3. Vor Nadine Angerer verteidigte eine Dreierkette mit Babett Peter links, Inken Becher zentral und Peggy Kuznik rechts. Davor agierte eine Mittelfeldraute mit Jennifer Zietz links, Ariane Hingst zentral und Ex-HSVerin Britta Carlson rechts sowie offensiv-zentral Essi Sainio. Den Sturm besetzten Isabel Kerschowski links, Conny Pohlers in der Mitte und die zweite frühere Hanseatin, Aferdita Kameraj. Geleitet wurde das Spiel von Nicole Schumacher aus Oberhausen, assistiert von Corinna Hedt aus Burgwedel und Sandra Gommer aus Emden.
Das Spiel begann recht munter. Turbine suchte von Beginn an den Weg zum Tor, die Gastgeberinnen wollten gegenhalten. In der 7. Minute bescherte eine Unstimmigkeit zwischen Schoknecht und Weech den Gästen die erste Chance. Sainios Pass ins Niemandsland wollte die Linksverteidigerin nicht spielen, damit ihre Keeperin den Ball aufnehmen konnte, die aber zögerte, weil sie dachte, Schoknecht würde ihn spielen. Folge: Kameraj stocherte dazwischen und zog ab. Weech reagierte gut, wehrte ab, und eine Teamkollegin klärte dann mit Glück. Im direkten Gegenzug kam der HSV dreimal gefährlich an und in den Strafraum, eine Chance sprang dabei aber nicht heraus. Kurz darauf gab es die wohl strittigste Szene des Spiels. Kuznik brachte einen Eckball von rechts herein. Weech stürmte heraus und geriet in ein Kopfballknäuel mit Haye, Kameraj und Peter, kam nicht an den Ball, der vor Hingst aufsprang, und die Potsdamer Kapitänin schoss zum Entsetzen der Rothosen zum 0:1 ein. Der Treffer zählte, hätte es aber wohl nicht dürfen: Der Einsatz von Kameraj gegen Weech im Fünfmeteraum war regelwidrig. Allerdings war das auch für die Schiedsrichterin schwer zu erkennen.
 Erzielte gegen ihren Ex-Club das entscheidende Tor: Aferdita Kameraj (im Hintergrund Tina Plessen)
Zunächst war der HSV durch den frühen Rückstand erschrocken und gestattete dem Meister die nächste Großchance. Kuzniks Freistoß aus dem Halbfeld landete am Strafraum bei Kameraj. Die verlängerte per Kopf, Pohlers stand völlig frei und köpfte aufs Tor, aber Weech war unten und hielt den Ball mit den Beinen (20.). Auf der anderen Seite nahm Vreden einen Fehlpass auf und verzog ihren Schuss aus 18 Metern. Aber jetzt hatten die
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Die umstrittene Szene vor dem 0:1 im Serienbild. Weech verlässt das Tor und wird von Kameraj behindert, die zwischen der Torfrau und Haye hochgesprungen ist. Peter springt ebenfalls noch mit herein. Weech kommte nicht ans Leder, es fällt Hingst vor die Füße, und die schießt vom Elfmeterpunkt ein. Die Rettungsversuche von Wübbenhorst, Haye und Plessen kommen zu spät.
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Hanseatinnen Blut geleckt. Schoknechts Flanke konnte Peter nur mit der Stirn nach vorn befördern, wo Thompson das Leder volley nehmen wollte. Dabei rutschte ihr der Ball über den Spann, und Angerer konnte ihn problemlos aufnehmen.
Nach einer halben Stunde kam wieder Potsdam. Nach Fehler von Schoknecht flankte Carlson von rechts, Weech unterlief die Flanke, und Engel klärte beinahe per Eigentor zur Ecke. Die brachte Zietz hoch herein, Vreden und Wübbenhorst verlängerten versehentlich, aber Pohlers' Volley ging über die Latte. Auf der Gegenseite hatte die aufgerückte Verteidigerin Plessen die bis dato beste Möglichkeit für den HSV, als sie einen Schoknecht-Eckball mit der Stirn schulmäßig auf das kurze Eck drückte. Zur Erleichterung von Nationalkeeperin Angerer verfehlte der Aufsetzer aus acht Metern den rechten Pfosten um Zentimeter (33.). Wieder der HSV. Jetzt hätte der verdiente Ausgleich fallen müssen. Saländer auf Thompson, die mit einem Steilpass auf Vreden. Jedoch kamen bei der Sturmführerin wieder alte Probleme hoch: Zu viel Zeit, zu viel nachgedacht. Sie scheiterte kläglich frei an Angerer. Im direkten Konter setzte Zietz Kameraj steil ein. Am Strafraum legte die U21-Nationalspielerin die Kugel kurz an Haye vorbei, schoss mit links auf das lange Eck und zog gegen die Klasseparade von Weech den Kürzeren (34.).
 Duell mit Haken und Ösen zwischen Conny Pohlers und Imke Wübbenhorst.
Die Schlussphase leitete die Heimmannschaft ein, und die ansonsten schwache Mirbach hatte ihre beste Szene, als sie einen Lupfer von Wübbenhorst im Strafraum mitnahm, sich dabei endlich gegen Peter durchsetzen konnte und ihren Schuss links daneben bugsierte. Potsdams Antwort war ein Schuss von Hingst aus 20 Metern über den Kasten. Nach Doppelpass mit Pohlers stand dann plötzlich Kerschowski frei vor Weech, die aber konnte abwehren und hielt den Rückstand zur Pause im Rahmen. Auch, weil Pohlers einen Kopfball nach Kuznik-Ecke knapp links vorbei setzte.
 Der HSV hatte es schwer. Hier behauptet sich die junge Tina Plessen gegen Ariane Hingst und Aferdita Kameraj.
Der HSV war früh kalt erwischt worden, als noch nichts zusammenpasste. Erst nach 20 Minuten berappelten sie sich, besannen sich auf ihre Stärken. Thompson und Vreden harmonierten gut, bekamen aber zu selten passende Bälle zugespielt. Es fehlte zudem der Abschluss sehenswerter Angriffe. Dennoch war Turbine optisch etwas überlegen, wirkte spielstärker. Viel ging über Zietz, aber auch Hingst und Kameraj fielen auf. In der Defensive herrschte hingegen etwas Unruhe, Peter und Becher ließen zu viele Chancen zu. Beim HSV hatte Mirbach große Probleme mit der gegnerischen Schnelligkeit und verzettelte sich häufig, was Ballverluste bedeutete. Die starke Seite bei den Rothosen war die linke mit Schoknecht und Wilmes, die für Alarm sorgten.
In die zweite Halbzeit startete Potsdam präsenter, offensiver. Sie wollten das 2:0. Zunächst schaufelte Sainio einen Pass von Pohlers drüber (49.), dann aber fiel das gewünschte Tor. Der HSV stand am Strafraum denkbar schlecht. Kerschowski leitete einen Diagonalpass von Kameraj zu Pohlers weiter. Die Nationalspielerin drehte sich um Mirbach und traf zum 0:2 ins lange Eck (58.). Damit war das Spiel entschieden. Beim HSV fehlten klare Bälle und überdachter Spielaufbau. Vreden hing in der Luft, Thompson hingegen durch. Potsdam machte Druck und unterstrich, dass hier nichts mehr anbrennen würde. Im Gegenteil.
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Einen Schuss von Kerschowski hielt Weech erst im Nachfassen fest. Nachdem Haye Pohlers flanken ließ, köpfte Kameraj Zentimeter am Pfosten vorbei. Der HSV musste etwas tun. Mirbach wurde erlöst und es kam Gina Heinßen. Damit waren jetzt drei Spitzen im Hamburger Spiel. Doch zunächst sah es so aus, als ob sich der HSV der Niederlage fügen würde. Gegenwehr war kaum vorhanden. Kerschowskis Flanke köpfte Pohlers in die Arme von Weech. Es war wie aus einem Guss, was die Brandenburgerinnen jetzt boten.
In der 72. Minute sah Friederike Engel die zweite von drei gelben Karten. Die erste hatte Pohlers gesehen, obwohl Kameraj diejenige gewesen war, die nach dem Abseitspfiff noch aufs Tor geschossen hatte. Eine Minute später kam ein Abstoß von Weech viel zu kurz bei Carlson an. Die setzte Kerschowski ein. Nachdem Plessen sich unglücklich hatte ausspielen lassen, stand sie frei vor Weech und zog ab. An dem Schuss war Weech noch dran, aber der Ball flog über sie hinweg - an die Latte! Dann war aber Kameraj schneller und köpfte vor Engel zum 0:3 ein (73). Der Sack war zu. Potsdam wechselte. Schröder brachte Aferdita Podvorica für Carlson. Aber sein Team ließ jetzt die Zügel schleifen. Schoknechts Einwurf leitete Heinßen zu Wilmes, die passte vor dem Strafraum kurz zu Thompson, Becher konnte sie ausspielen, der Schuss rutschte ihr dann aber über den Schlappen. Nochmal der HSV: Schöner Pass von Thompson auf Heinßen, die im Rücken von Peter entwischt war und frei vor Angerer stand. Aber sie vergab kläglich den Ehrentreffer.
 Eine der wenigen guten Zweikampfszenen von Thompson, hier gegen Sainio (li.) und Kuznik.
Es spielte in der Schlussphase nur der HSV. Noch sechs Minuten. Haye führte einen Freistoß schnell zu Thompson aus, die Flanke köpfte Peter erneut nach vorn, Saländer zog stramm volley aus zwölf Metern ab. Leider stand Kuznik im Weg und blockte ab. In der 86. Minute lupfte Thompson auf Vreden, und dieses Mal vollstreckte das HSV-Urgestein (seit 1995 im Club) zum 1:3. Die letzte Möglichkeit hatte aber Peter, die einen harten Freistoß über das Tor setzte.
Turbine gewann verdient mit 3:1, das Spiel aber erst in der ersten halben Stunde des zweiten Durchgangs, als der HSV überhaupt nicht zu seinem Spiel fand. 45 Minuten lang war die Partie offen gewesen, dann aber verspielten die Rothosen mögliche Punkte, denn stark war Potsdam wahrlich nicht. Die Gäste forcierten nach Wiederanpfiff das Tempo, entwickelten druckvoll und abgeklärt die entscheidenden Chancen. Der HSV kam erst wieder ins Spiel, als sich die Gäste im sicheren Gefühl des Sieges zurücklehnten. Normalerweise wären die Elbstädterinnen auch mit diesem 1:3 zufrieden gewesen - wenn, ja wenn Potsdam nicht in der Liga zweimal und jüngst im UEFA-Cup gepatzt hätte. So blieb Ernüchterung, dass Potsdam mit der Cleverness des Meisters immer noch eine Nummer größer ist.
Aus Hamburger Sicht (2)
Aus Potsdamer Sicht
Hamburger SV:
Weech - Schoknecht, Plessen, Haye, Engel - Wilmes, Saländer, Wübbenhorst, Mirbach (65. Heinßen) - Vreden, Thompson
Turbine Potsdam:
Angerer - Peter, Becher, Kuznik - Zietz, Hingst, Sainio, Carlson (75. Podvorica) - I. Kerschowski, Pohlers, Kameraj
Tore:
0:1 Hingst (11.) 0:2 Pohlers (58.) 0:3 Kameraj (73.) 1:3 Vreden (86.)
SRin: Nicole Schumacher (Oberhausen)
Gelb: Engel (72., Foulspiel), Schoknecht (89., Foulspiel) / Pohlers (51., Ballwegschlagen)
Zuschauer: 820
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