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1. Bundesliga, 18.Spieltag

Potsdam bekennt Farbe und befindet sich auf Meisterkurs

1. FFC Turbine Potsdam - FCR 2001 Duisburg 2:1 (1:0)

Text von Katja Öhlschläger, Fotos von Jan Kuppert

24.4.2006   Spätestens nach dem klaren 6:2-Erfolg von Turbine Potsdam am Vorwochenende beim FFC Frankfurt war allen klar, welch (vor-) entscheidende Bedeutung die heutige Partie für den Meisterschaftsausgang und ebenso für die Qualifikation zum UEFA-Cup haben sollte. Potsdam konnte sich mit einem Sieg vier Punkte von den Verfolgern Duisburg und Frankfurt absetzen, wobei Duisburg sogar noch ein Spiel mehr absolviert hat. Duisburg benötigte drei Punkte, um eine Restchance auf die Meisterschaft zu wahren, und muss gleichzeitig auch immer den FFC Frankfurt im Auge haben, mit denen sie von nun an um den zweiten Platz kämpfen werden, der, wenn – worauf derzeit vieles hindeutet – Potsdam sowohl Meister wird als auch den UEFA-Cup für sich entscheidet, zur Teilnahme am UEFA-Cup berechtigen würde. Vorausgesetzt auch der DFB-Pokal geht nach Potsdam - ansonsten müsste der DFB eine Entscheidung treffen, ob der Pokalsieger oder der Vizemeister den zweiten deutschen Startplatz einnimmt. Die UEFA-Regularien - "UEFA member associations may enter either the winners or runners-up of the domestic women's championship or the national women's cup competition subject to the approval of the UEFA" (Article 1.02 der Regulations of the UEFA Women's Cup 2005/06) - lassen dies offen.

Anja Mittag

Anja Mittag jubelt über ihren Führungstreffer

In einem äußerst kämpferisch, aber fair geführten Spiel gab es nur eine gelbe Karte – die wichtigste Karte, eine rote nämlich, wurde jedoch noch vor dem Spiel von Duisburger und Potsdamer Fans sowie den 22 Spielerinnen entrollt: „Rote Karte für Fremdenfeinlichkeit und Rassismus“. Aufgrund des Überfalls auf einen deutschen Staatsbürger äthiopischer Herkunft (wenn schon, dann übrigens ein Äthiopien-Deutscher, oder sind Deutsch-Amerikaner Deutsche amerikanischer Herkunft?) am vergangenen Sonntag in Potsdam hatte der Heimverein das Spitzenspiel des 18. Spieltags unter das Motto „Keine Chance für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ gestellt. Die Gäste des FCR Duisburg (spendeten spontan 400 Euro aus der Mannschaftskasse), der FFC Frankfurt, der FSV Frankfurt und der VfL Sindelfingen hatten sich dem Aufruf angeschlossen. Zweitligist 1. FC Saarbrücken spendete wie Turbine ebenfalls für jede verkaufte Eintrittskarte beim Spiel gegen den SC Sand einen Euro an die Familie des noch immer auf der Intensivstation liegenden Opfers, dem es seit heute aber glücklicherweise leicht besser geht. Aus den Zuschauereinnahmen, der Duisburger Spende und einem Aufstockungsbetrag des Fanclubs „Turbine-Adler“ kamen so 2400 Euro zusammen, die der DFB nach einem Versprechen des Geschäftsführenden Präsidenten Theo Zwanziger noch einmal verdoppeln wird.

Nun aber zum Spiel. Bekanntlich halten Spitzenspiele, bei denen es um viel geht, nicht immer das, was sie versprechen. Heute aber schenkten sich beide Teams das Abtasten und legten gleich stürmisch los, was sicher auch an der grundsätzlich offensiven Ausrichtung der Kontrahenten lag. Leichte Vorteile ergaben sich dabei zunächst für die Gastmannschaft, die sich mit langen Bällen auf Jennifer Oster und Shelley Thompson versuchte. Nachdem Oster und auf der anderen Seite Wimbersky scheiterten, war es erneut Oster, die in der 6. Minute die erste Großchance für sich verbuchen konnte. Shelley Thompson hatte sie mit einem langen Ball geschickt, Oster tauchte frei vor Nadine Angerer auf, überlupfte die Nationaltorfrau in Richtung Kasten, doch pfeilschnell kam Spielführerin Ariane Hingst von der Seite angeflogen und grätschte den Ball im Sprung noch vor der Torlinie weg.

Auch in der Folge erarbeitete sich Duisburg ein Chancenplus, wobei sie nicht selten von Abspielfehlern der Potsdamer Abwehrspielerinnen profitierten. Die junge Babett Peter wirkte heute, wo ihr eine quirlige und variabel agierende Angriffsreihe gegenüber stand, einige Male noch recht unsicher, konnte sich in der zweiten Halbzeit aber steigern. Nach acht Minuten reagierte Oster schnell auf einen Peter-Fehler, passte zu Thompson, doch diese zielte links am Tor vorbei. Eine Minute darauf Bajramaj nach Hingst-Fehler vor Angerer – Eckball. Wieder sechs Minuten später Oster aus spitzem Winkel – die Keeperin klärt wieder zur Ecke. Eine Führung nach diesem Anfangsfeuerwerk wäre nicht unverdient gewesen.

Verena Hagedorn

Verena Hagedorn musste mit Verdacht auf Kreuzbandriss ausgewechselt werden.

Nach 15-20 Minuten aber kippte das Spiel ein wenig. Potsdam konnte sich von dem Dauerdruck befreien, beruhigte das Angriffspiel, leistete sich weniger Fehlpässe und startete ein ums andere Mal die blitzschnellen, überfallartigen Angriffe, mit denen sie schon Frankfurt den Zahn gezogen hatten. So in der


Rote Karte gegen Rassismus

Turbine Potsdam

Vor Anpfiff bekannten Turbine Potsdam und der FCR Duisburg gemeinsam Farbe gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Nach dem Spiel Jubel pur über die Vorentscheidung in der Meisterschaft.

24. Minute: Peter passte von der Mittellinie aus präzise auf Wimbersky, doch Rottenbergs Synapsen funktionierten prächtig – die Nationaltorfrau kam aus dem Tor gestürmt und klärte außerhalb des Strafraums mit einem Kopfball. Nachdem eine weitere Duisburger Chance – ein Fernschuss von Annemieke Griffoen – nichts Zählbares einbrachte, sollte sich dies in der 29. Minute rächen. Anja Mittag erreichte ein langer Pass von Cristiane auf der linken Seite, sie zog in den Strafraum, stand Rottenberg aus spitzem Winkel gegenüber, wartete lange, und schob den Ball dann rechts an Rottenberg, die den Ball mit den Fingerspitzen noch berührte, vorbei ins Tor.

Dem Glücksmoment auf Potsdamer Seite folgte kurz darauf Betroffenheit im ganzen Stadion. Duisburgs Verena Hagedorn war ohne Fremdeinwirkung umgeknickt und wandt sich mit durch Mark und Bein gehenden Schmerzensschreien auf dem Boden. Die 23-Jährige hatte nach ihrem Kreuzbandriss im letzten Jahr gerade erst wieder ihre Form gefunden und musste nun mit der Befürchtung, die selbe Verletzung erneut erlitten zu haben, ausgewechselt werden. Duisburgs Trainer Herhaus berichtete später, Britta Carlson habe in der Situation neben Hagedorn gestanden und ein Knacken gehört. Herhaus zeigte sich sehr betroffen und nannte den befürchteten Kreuzbandriss „hochgradig tragisch“. Das FanSoccer-Team wünscht gute Genesung!

Annike Krahn, Anja Mittag

Duisburgs Spielführerin Annike Krahn (r.) hatte die Potsdamer Angriffsspielerinnen meistens sehr gut im Griff. Hier fightet sie mit Anja Mittag um den Ball.

Petra Hauser war gerade erst im Spiel, hätte sie schon eine entscheidende Rolle spielen können. Bei einem Freistoß von Britta Carlson roch es im Strafraum verdächtig nach Handspiel, doch die Pfeife von Schiedsrichterin Christine Beck blieb stumm. Auf der anderen Seite war es an Shelley Thompson, noch vor der Pause zum Ausgleich zu kommen – nach einem langen Pass war sie schneller als Hingst am Ball, überwand Angerer, doch der Ball ging knapp über die Torlatte. Die wohl größte Duisburger Chance in der ersten Halbzeit.

Das Spiel war gerade wieder angepfiffen, hatte Thompson die nächste Gelegenheit. In aussichtsreicher Position vor dem Tor spielte sie Hingst aus, doch Peter war diesmal glänzend zur Stelle und klärte vor der einschussbereiten Torschützenkönigin der letzten Saison. An der nächsten Duisburger Chance war Thompson wieder beteiligt, doch offenbarte sich in dieser Szene auch der entscheidende Unterschied zwischen diesen beiden Klassemannschaften – Thompson hatte den Ball auf der linken Seite, doch ihr fehlte die Anspielstation – war sie ohnehin im Angriff häufig auf sich alleine gestellt, rückte die Potsdamer Abwehr nun schneller nach hinten, als die Duisburger Angreiferinnen nach vorne kamen. Potsdam, das auf Torjägerin Conny Pohlers (Grippe) verzichten musste, hingegen hatte zwar deutlich weniger Chancen, diese waren dann aber zielstrebig vorgetragen und hochgefährlich. So auch in der 51. Minute, als sich Wimbersky im Mittelfeld energisch durchgesetzt und auf Mittag gepasst hatte, die in vollem Lauf annahm und abzog, das Tor aber knapp rechts verfehlte. Auf der anderen Seite kam Oster vor das Tor, doch Angerer hatte mit diesem Rollerbällchen keine Probleme.

Simone Laudehr, Navina Omilade, Nadine Angerer

Simone Laudehr überspringt Navina Omilade und köpft zum 1:1-Ausgleich ein.

Aus dem Spiel heraus fehlte bei Duisburg die Präzision und die letzte Entschlossenheit im Abschluss – nicht gänzlich überraschend daher, dass der Ausgleich aus einer Standardsituation resultierte. Patricia Hanebeck zirkelte in der 64. Minute einen Freistoß aus halblinker Position maßgenau auf Simone Laudehr, die am langen Eck höher als alle Potsdamer Abwehrspielerinnen sprang und den Ball gegen die Laufrichtung von Torfrau Angerer im Gehäuse unterbrachte. Jetzt war wieder alles offen, Potsdam hatte im vierten Spiel innerhalb von neun Tagen noch schwere 25 Minuten vor sich. Doch sie reagierten, wie ein gereiftes und selbstbewusstes Team es tut – mit zwei guten bis


sehr guten Chancen. Erst zielte Omilade direkt nach Wiederanpfiff knapp links vorbei, dann strich ein strammer Schuss von Wimbersky knapp über die Latte. Auf der Gegenseite konnte Angerer einen Fernschuss von Griffioen nicht festhalten, hatte den Ball dann aber im Nachfassen vor der heranstürmenden Jennifer Oster.

In der 76. Minute feierte dann Nationalstürmerin Inka Grings ihr Comeback, nachdem zuvor noch gerätselt wurde, ob sie sich nur zur Irritation warmlaufe oder tatsächlich zum Einsatz kommen sollte. Dass sie von Trainer Herhaus für die einzige Sturmspitze Thompson eingewechselt wurde, sorgte durchaus bei einigen Zuschauern für Verwunderung, hatte Duisburg doch nur mit drei Punkten noch eine realistische Chance auf den Meistertitel. Mit Blick auf die noch ausstehenden Aufgaben, so das Duell gegen den FFC Frankfurt am letzten Spieltag, habe er Thompson, die sich drei Monate mit Rückenproblemen geplagt hatte und bei der der „Akku leer“ gewesen sei, aber keine 90-minütige Belastung zumuten können, erläuterte Herhaus den Wechsel im Anschluss an das Spiel.

15 Minuten also noch, 1:1. Beide Mannschaften lieferten sich jetzt einen packenden Fight, eine Chance folgte auf die nächste. Isabel Kerschowski – für Cristiane gekommen – brachte noch mal frischen Wind ins Angriffsspiel der Turbinen, die nach der hohen Belastung der letzten Tage nun doch etwas müde wirkten, diese Müdigkeit aber durch effektives Spiel kompensieren konnten. Kerschowski war es denn auch, die in der 77. Minute mit einem Flachschuss Rottenberg in Bedrängnis brachte – Rottenberg konnte den Ball nicht festhalten, packte das Leder mit einem Hechtsprung aber noch vor der nahenden Wimbersky. Fünf Minuten später aber hatte die Frau für die wichtigen Tore dann doch zugeschlagen – auf der linken Seite setzte sie sich durch, zog aus spitzem Winkel ab und ließ ihrer Nationalmannschaftskollegin im Duisburger Tor keine Abwehrchance.

Petra Wimbersky, Silke Rottenberg

Petra Wimbersky traf in der 82. Minute zum entscheidenden 2:1. Petra Hauser kommt zu spät, Silke Rottenberg streckt sich vergeblich.

Duisburg warf noch mal alles nach vorne, doch Inka Grings war bei Peggy Kuznik weitestgehend abgemeldet und konnte keine Gefahr erzeugen. Einen Abspielfehler von Omilade im Strafraum konnte Laudehr nicht ausnutzen, und so blieb es bei einem aufgrund der großen Abschlussstärke und der präziser vorgetragenen Angriffe durchaus verdienten 2:1 für Potsdam, die sich auf dem Weg zu ihrer zweiten Meisterschaft nun nur noch „selber schlagen können“, wie es Bernd Schröder formulierte. Auch

Bernd Schröder, Dirk Heinrichs

Konnten mit ihrem Team sehr zufrieden sein. Die Potsdamer Trainer Bernd Schröder (r.) und Dirk Heinrichs.

Gästecoach Herhaus, der sich mit seiner Mannschaft „hochzufrieden“ zeigte, gratulierte bereits vorab zum Meistertitel und arbeitete in seiner Spielanalyse sehr treffend die heute entscheidenden Punkte – Effektivität und ruhigere, reifere Spielanlage – heraus. Doch Duisburg sollte sich nicht grämen – in dieser Form sind sie ein heißer Anwärter auf die Vizemeisterschaft, sollte sich der FFC Frankfurt bis zum 5. Juni nicht doch noch mal berappeln.

1. FFC Turbine Potsdam:

Angerer - Peter, Hingst, Kuznik - Thomas, Omilade, Carlson, Zietz - Mittag (84. Podvorica), Cristiane (63. I. Kerschowski), Wimbersky

FCR 2001 Duisburg

Rottenberg - van Bonn, Oster, Krahn, Hagedorn (34. Hauser) - Hanebeck, Griffoen, Schroeder (58. Wilder), Laudehr - Thompson (76. Grings), Bajmaraj

Tore:
1:0 Mittag (29.)
1:1 Laudehr (64.)
2:1 Wimbersky (82.)

Gelbe Karten: Wimbersky - Laudehr

Schiedsrichterin: Christine Beck (Magstadt)

Zuschauer: 2.207


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