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1. Bundesliga, 20.Spieltag

HSV holt Punkt in der "Fremde"

Hamburger SV - SG Essen-Schönebeck 3:3 (1:3)

Text und Bilder von Fuxi

16.5.2006   Von den meisten Dingen haben Menschen zwei Stück: Zwei Augen, zwei Hände, zwei Beine - und zwei Maßstäbe. Menschen dieser Art findet man recht häufig auf Fußballplätzen in der Funktion der Schiedsrichter an. Zu dieser Gattung gehört auch Tanja Schneider. Ihren Auftritt hatte sie in Halbzeit zwei.

In der ersten Hälfte spielten aber noch die Mannschaften die Hauptrolle. Die Gäste der SG Essen-Schönebeck trafen erst spät auf der Ausweichanlage am Meiendorfer Weg ein: Der Busfahrer hatte sich auf das Navigationsgerät verlassen und sich prompt verfahren. So war der HSV schon beim Schusstraining, als die Essenerinnen ihre Aufwärmübungen begannen. Ein Vorteil für den HSV? Beide Teams hatten mit knappen Kadern zu kämpfen und nur 15 Akteurinnen zur Verfügung. Schönebecks Coach Ralf Agolli setzte vor Torhüterin Monique Langpohl auf eine Viererkette mit Sabrina Duhme, Carina Chojnacki, Stephanie Schubert und Kathrin von Kampen. Die Mittelfeldraute bestand aus Karina Hellmann und Jennifer Balkenhol auf den Flügeln, Nadia Gäggeler defensiv und Melanie Hoffmann offensiv zentral. Den Sturm besetzten Mirja Kothe und Charline Hartmann.

Polizei

"First Class" - Fußball bekamen diese beiden Polizeibeamten in der ersten Halbzeit nicht zu sehen

Der HSV setzte sein gewohntes 4-3-3 dagegen. Stammkeeperin Bianca Weech fand sich auf der Bank wieder, dafür spielte Tessa Rinkes. Vor der Viererkette aus Marion Wilmes, Janina Haye, Alexandra Gärtner und Friederike Engel standen Imke Wübbenhorst und Miriam Scheib, davor wiederum Regisseurin Silva Lone Saländer. Der Sturm bestand aus Maja Schubert links, Aferdita Kameraj rechts und Tanja Vreden zentral.

Zweikampf

Stellenweise ging es mit Haken und Ösen zu - hier wird Silva Lone Saländer von Stephanie Schubert gebremst

Trotz des Missgeschicks der Gäste begann die Partie mit nur drei Minuten Verspätung, aber der HSV schien gleich wach. Kamerajs Flanke strich allerdings nur über Vredens Schopf, während Torfrau Langpohl gänzlich verpasste (1.). Auf der anderen Seite hatte der Gast nach acht Minuten seine erste echte Möglichkeit. Hellmanns hoher Freistoß landete an der Strafraumgrenze, Hoffmann legte ab, und mit einem Sonntagsschuss aus 20 Metern beförderte sie den Ball oben rechts ins Netz - 0:1. U19-Weltmeisterin Rinkes flog vergebens. Es war die Folge zu verhaltener Defensivbemühungen der Stadionmieter. Die wirkten erschrocken durch den frühen Rückstand, waren oft viel zu weit weg vom Gegner. Diese Räume versuchte Schönebeck nun zu nutzen. Hamburg hatte Probleme im Aufbau. Fünf Minuten nach dem 0:1 reichte es für die aufgerückte Engel nur zu einem mehr aus Verlegenheit als geplant geschlagenen Ball hoch an den Strafraum. Die Innenverteidigung der Gäste war nicht im Bilde, Langpohl blieb auf dem Weg aus dem Tor auf halbem Wege stehen und eilte bei Kamerajs direktem Heber zurück auf die Linie. Doch der Ball traf nur die Latte. Dann war jedoch Kameraj als einzige noch in Bewegung, erlief den Abpraller und schob ihn lässig zum Ausgleich ein (13.).

Essen störte der neue Spielstand wenig. Erst setzte sich Balkenhol rechts gegen eine müde Janina Haye durch, passte dann auf Hoffmann, die nach links zu Hartmann weiterleitete und so die Abwehr aushebelte - 1:2 (18.). Die Tore fielen im 5-Minuten-Takt. Auch, weil der HSV in der Abwehr schlief und nach vorn zu sehr den Zufall bemühte. Essen war konsequenter und genauer. Nach der Minutenrechnung würde in der 23. Minute das nächste Tor fallen. In der Hamburger Hälfte eroberte Hoffmann den Ball und spielte ihn an der nur zögernd angreifenden Haye vorbei steil, Hartmann lief allein auf Rinkes zu, legte dann nochmal quer, und Balkenhol versenkte zum 1:3 - in eben jener 23. Minute. Ein Tor mit Ansage. Die Rothosen ließen sich für ihre Spielweise bestrafen. Sie waren hinten viel zu unorganisiert, wirkten fast ängstlich und waren im Aufbau fahrig. Essen knipste eiskalt, spielte seine Chancen schnell heraus und stand in der Defensive sicher. Die Gast- geberinnen hingegen von der Rolle. Einer von mehreren zu kurzen Abstößen von Rinkes landete auf


Spielszene

Karina Hellmanns Freistoß klatscht an die Latte - Dusel für Hamburgs Keeperin Tessa Rinkes, die sich verschätzt hatte. Links Janina Haye, dann Aferdita Kameraj, am Boden Sabrina Duhme, rechts Alexandra Gärtner und Jennifer Balkenhol

dem Kopf von Hellmann, die köpfte steil auf Kothe, aber Haye unterband im letzten Moment einen kontrollierten Torversuch. Der Ball verfehlte das Tor klar. Und auch in der 38. Minute war die Defensivabteilung des HSV bei einem Hellmann-Freistoß nicht im Bilde. Der als Flanke gedachte Ball wurde immer länger, klatschte an die Latte, und Haye konnte klären.

HSV-Coach Feifel reichte das. Viel zu schläfrig war sein Team hinten, viel zu einfallslos vorne. Er wartete nicht auf den Pausentee, sondern nahm seine beiden defensiven Mittelfeldspielerinnen Miriam Scheib und Imke Wübbenhorst in der 41. Minute vom Feld. Julia Weigel und Gina Heinßen kamen. So reichte es, um das Ergebnis zur Pause zu halten. Schönebeck war das klar bessere Team, harmonierte, machte die Räume eng und verlagerte das Spiel schnell in die gegnerische Hälfte. Vor allem Melanie Hoffmann führte selbstbewusst Regie. Zugute kam ihnen, dass der HSV gar nicht anwesend, gedanklich träger war. Frappierend war das unterirdische Passspiel mit vielen Zufällen. Sie mussten sich steigern.

Janina Haye

Die Situation nach dem Hellmann-Freistoß aus dem großen Bild einige Sekunden später: Janina Haye klärt vor Mirja Kothe

Hatte der HSV-Trainer seine Mädels in der Pause zusammengefaltet? In jedem Fall schienen sie sich etwas vorgenommen zu haben. Rinkes' Abschlag spielte Chojnacki in den Fuß von Vreden. Die passte aus der Drehung steil auf Joker Heinßen. Doch im Duell mit Langpohl versagten ihr die Nerven: Der ungenaue Abschluss kam genau auf de Torhüterin, die mit den Beinen bereinigte. Aber der HSV war jetzt am Drücker. Vor dem Strafraum hob Maja Schubert den Ball Richtung linker Pfosten, Vreden stahl sich im Rücken von Kampens weg, köpfte hoch ins lange Eck - nur noch 2:3 (48.)! Da war das dringend benötigte Lebenszeichen. Essen wirkte danach nicht erschrocken, aber der HSV war jetzt am Drücker. Das Tor gab Auftrieb. Sie drängten die mittlerweile selbst zaghaft gewordenen Gäste in die Defensive, doch Schönebeck konnte sich ein ums andere Mal befreien. Es regierte die Furcht vor dem Ausgleich.

Janina Haye

Das 1:0 für Essen: Nadia Gäggeler zieht ab und trifft genau in den Winkel

Dann begann die große Zeit der 23. Frau auf dem Platz. Im Mittelfeld grätschten Hamburgs Kameraj wie auch eine Essenerin nach dem Ball, Schiri Schneider pfiff ab, beide standen auf - und Kameraj sah gelb! Wühlte das den HSV auf? Kothe vernaschte links Engel, ihre Flanke in den Rücken erlief Hartmann noch, drehte sich und dribbelte Wilmes aus. Doch den Schuss parierte Rinkes, und Haye klärte. Es folgte Schneiders Auftritt Nummer zwei. Es war eine ähnliche Position. Diesesmal gab es Freistoß für den HSV. Kameraj versuchte, schnell auszuführen, aber eine Schönebeckerin stellte sich vor den Ball. Kameraj wollte sie leicht zur Seite schieben - und sah dafür gelb-rot (67.). Das Zeitspiel der Gästespielerin blieb ungeahndet. Auftritt Nummer drei nur zwei Minuten später: Bei Hayes langem Ball war Vreden einen Tick vor Stephanie Schubert am Ball, ging in den Strafraum und wurde dort von den Beinen geholt. Es gab Elfmeter. Notbremse ist eigentlich auch gleichbedeutend mit einer roten Karte - nicht so bei Frau Schneider. Ihre fadenscheinige Begründung, warum sie es bei der gelben Karte beließ: Vreden habe den Ball nicht am Fuß gehabt...


Zum Elfmeter trat Saländer an, verlud Langpohl und erzielte den Ausgleich.

Der HSV war selbst in Unterzahl dem 4:3 näher als die Gäste, aber es reichte nicht mehr zu echten Chancen. Schönebeck war von der Rolle, zumal die Hanseatinnen hinten konsequenter zu Werke gingen. Essen wechselte jetzt, Carola Winter kam für Balkenhol. Kurz vor Schluss kam auch noch Julia Bolle für Kothe herein. Und in der Nachspielzeit hatten die Gäste noch eine Großchance zum Sieg. Hellmanns Freistoß von rechts kam hoch auf den zweiten Pfosten, Duhme köpfte aus spitzem Winkel, im Zurückfallen wehrte die nicht immer sichere Rinkes ab, fasste nach und patschte den Ball vor die Füße von Gäggeler. Die aber zog aus der Drehung Zentimeter drüber. Der Schlusspunkt.

Janina Haye

Die eingewechselte junge Julia "Theo" Weigel (re.) machte ihre Sache gut. Hier stoppt sie die starke Melanie Hoffmann an der Auslinie

Aufgrund der zweiten Halbzeit trennten sich der HSV und Essen-Schönebeck verdienter- maßen mit 3:3. Die Rothosen kamen besser aus der Kabine, verkrafteten auch die Unterzahl und erzwangen die beiden Treffer. Sie mussten sich allerdings wieder nur mit einem Remis gegen den unbequemen Angstgegner zufrieden geben. Schönebeck wurde erst in der Schlussphase wieder offensiver, doch der Endspurt wurde nicht belohnt. Nach dem Anschlusstreffer wirkten sie phasenweise nervös, verlegten sich auf Defensivarbeit und verloren ihre spielerische Linie der ersten Hälfte, die von gutem Fußball der Westdeutschen geprägt war. Glücklich über den Abpfiff dürfte aber nur der HSV gewesen sein, nachdem Schiedsrichterin Schneider den Kritikern der fehlenden Qualität in der weiblichen Schiedsrichtergilde weitere Munition geliefert hat. So jedenfalls leiden nicht nur die Benachteiligten, sondern der Sport als Ganzes.

Schiedsrichterin

Lag dreimal eklatant daneben: Schiedsrichterin Tanja Schneider mit Gespann



Hamburger SV:

Rinkes - Wilmes, Haye, Gärtner, Engel - Wübbenhorst (41. Heinßen), Scheib (41. Weigel) - Saländer - M. Schubert, Vreden, Kameraj

SG Essen-Schönebeck:

Langpohl - Duhme, Chojnacki, S. Schubert, von Kampen - Hellmann, Gäggeler, Balkenhol (70. Winter) - Hoffmann - Hartmann, Kothe (90. Bolle)

Tore:
0:1 Gäggeler (8.)
1:1 Kameraj (13.)
1:2 Hartmann (18.)
1:3 Balkenhol (23.)
2:3 Vreden (48.)
3:3 Saländer (69., Foulelfmeter)

Gelbe Karten: S. Schubert (68., Foulspiel), von Kampen (81., Foulspiel)

Gelb-Rote Karte: Kameraj (67., wiederholtes Foulspiel)

Schiedsrichterin: Tanja Schneider (Amberg) mit Silke Lüken (Osnabrück) und Corinna Hedt (Burgdorf)

Zuschauer: 400


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